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Den Geist verstehen

Eine Erklärung der Natur und der Funktionen des Geistes

Format: Gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-908543-12-1
Detail: 351 Seiten
Preis: 39.50 CHF  
 
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Gebundene Ausgabe

Diese ausführliche Erklärung, basierend auf den Unterweisungen Buddhas und den Erfahrungen vollendeter Meditierender, ermöglicht uns tiefe Einsichten in die Natur und die Funktionen des Geistes.

Der erste Teil beschreibt genau verschiedene Arten von Geist, wobei die Tiefe des buddhistischen Verständnisses für die menschliche Psyche deutlich wird. Dieses tiefe Verständnis kann uns dabei helfen unser Leben zu verbessern.

Der zweite Teil ist eine praktische Anleitung, wie wir einen leichten, positiven Geist entwickeln und behalten können und wie wir schädliche Geisteshaltungen erkennen und loslassen können, um sie durch eine friedliche Geisteshaltung zu ersetzen, die dem Wohle aller dient. Die inspirierende Entdeckung, die wir durch dieses Buch machen können, ist die Möglichkeit, unabhängig von äusseren Bedingungen einen andauernden Zustand von Freude zu erreichen.



Auszug aus diesem Buch:

Der Geistige Faktor Unterscheidung

DIE DEFINITION VON UNTERSCHEIDUNG

Unterscheidung ist definiert als ein geistiger Faktor, der die Funktion hat, das außergewöhnliche Zeichen eines Objektes festzuhalten.

Jedes Objekt hat Merkmale, die es von anderen Objekten unterscheiden und die es uns ermöglichen, das Objekt zu erkennen. Die Funktion des geistigen Faktors Unterscheidung ist es, diese außergewöhnlichen Merkmale festzuhalten. Wenn wir beispielsweise einen Baum anschauen, kennt unser Augenbewußtsein den Baum, weil es die außergewöhnlichen Merkmale des Baumes klar erkennt oder unterscheidet. Wenn unserem Augenbewußtsein der geistige Faktor Unterscheidung fehlen würde, könnte es den Baum nicht von anderen Objekten unterscheiden, und deshalb könnte es ihn nicht erkennen. Um ein Objekt zu erkennen, müssen wir verstehen, welches seine außergewöhnlichen Zeichen oder charakteristischen Eigenschaften sind. Ein Neugeborenes versteht beispielsweise die außergewöhnlichen Zeichen einer Armbanduhr nicht und kann eine Uhr somit auch nicht als solche erkennen.

DIE FUNKTION VON UNTERSCHEIDUNG

Die Funktion von Unterscheidung ist es, ein Objekt von anderen Objekten zu unterscheiden und das Objekt als «dieses» und nicht als «jenes» zu identifizieren. Unterscheidung, die mit begrifflichen Geisteszuständen verbunden ist, hat auch die Funktion, Objekte zuzuschreiben, zu kennzeichnen oder zu benennen. Es gibt zwei Arten der Zuschreibung: Zuschreibung durch Laute und Zuschreibung durch Gedanken. Die erste Art ist das gleiche wie Benennen, und die zweite ist das gleiche wie Vorstellen.

Die charakteristischen Eigenschaften eines Objektes existieren nicht von seiten des Objektes, sondern sind lediglich durch den Geist, der sie festhält, zugeschrieben. Wir können dies anhand des Beispiels verstehen, wie unterschiedliche Leute das gleiche Objekt sehen. Wenn beispielsweise eine bestimmte Person namens John betrachtet wird, so erkennt eine Person vielleicht einen Feind in ihr, während eine andere einen Freund sieht. Wenn die Eigenschaften von Feind und Freund von seiten der Person existieren würden, gäbe es hier einen Widerspruch, aber da diese Eigenschaften der Person lediglich durch den Geist verschiedener Personen zugeschrieben werden, gibt es keinen Widerspruch. John hat von sich aus keine festgelegten charakteristischen Eigenschaften, die darauf warten, vom Geist verschiedener Personen entdeckt zu werden. Was er ist, ist einzig davon abhängig, wie er vom Geist, der ihn festhält, identifiziert wird. Wir können wählen, wie wir Objekte unterscheiden. Als Dharma-Praktizierende sollten wir uns entscheiden, nur in konstruktiver Weise zu unterscheiden, auf eine Art, die der Tugend förderlich ist.

DIE UNTERTEILUNGEN VON UNTERSCHEIDUNG

Es gibt drei Arten, Unterscheidung zu unterteilen. Als erstes gibt es aus der Sicht der außergewöhnlichen vorherrschenden Bedingung sechs Arten der Unterscheidung:

1. Unterscheidungen, die mit Augenbewußtsein verbunden sind
2. Unterscheidungen, die mit Ohrenbewußtsein verbunden sind
3. Unterscheidungen, die mit Nasenbewußtsein verbunden sind
4. Unterscheidungen, die mit Zungenbewußtsein verbunden sind
5. Unterscheidungen, die mit Körperbewußtsein verbunden sind
6. Unterscheidungen, die mit geistigem Bewußtsein verbunden sind

Wenn einem der sechs Bewußtseinsarten der geistige Faktor Unterscheidung fehlen würde, könnte das Bewußtsein sein Objekt nicht verstehen. Unterscheidung, die mit Augenbewußtsein verbunden ist, ist Augengewahrsein und nicht Augenbewußtsein, denn Bewußtsein ist gleichbedeutend mit primärem Geist.

Es gibt auch eine zweifache Unterteilung von Unterscheidung:

1. Fehlerhafte Unterscheidungen
2. Nichtfehlerhafte Unterscheidungen

Jedes falsche Gewahrsein hat fehlerhafte Unterscheidung, und alle ungeschickten Handlungen mit Körper, Rede und Geist resultieren aus fehlerhafter Unterscheidung. Wir handeln zerstörerisch, weil wir unter dem Einfluß von Verblendungen sind, und alle Verblendungen basieren auf fehlerhafter Unterscheidung. Wut zum Beispiel hat eine Unterscheidung ihres Objektes als inhärent unangenehm, während Anhaftung eine Unterscheidung ihres Objektes als inhärent anziehend hat. In beiden Fällen ist die Unterscheidung fehlerhaft, weil Attraktivität und Unattraktivität vom Geist abhängig sind und nicht von seiten des Objektes existieren.
Wenn der geistige Faktor Unterscheidung fehlerhaft ist, sind der primäre Geist und alle anderen geistigen Faktoren, die ihn begleiten, falsche Gewahrseinsarten. Genau weil Festhalten am Selbst und falsche Sichtweisen fehlerhafte Unterscheidungen haben, halten sie falsche Objekte fest. Die sechzehn falschen Gedanken, die in den Lamrim-Unterweisungen erläutert und auf Seite 30-32 aufgelistet sind, basieren alle auf fehlerhaften Unterscheidungen. Der zweite falsche Gedanke beispielsweise, keinen Wunsch zu haben, die Essenz unseres kostbaren menschlichen Lebens zu nutzen, beinhaltet die fehlerhafte Unterscheidung, daß weltliches Vergnügen der einzige Sinn dieses Lebens ist. Dharma-Praktizierende sollten beten, von all diesen fehlerhaften Unterscheidungen frei zu sein, weil sie uns ernsthaft daran hindern, die Realisationen der Stufen des Pfades zu erlangen. Lamrim-Realisationen werden erlangt, indem diese fehlerhaften Unterscheidungen beseitigt und die gegenteiligen, nichtfehlerhaften Unterscheidungen entwickelt werden.

Es gibt viele Ursachen für fehlerhafte Unterscheidungen, wie zum Beispiel frühere Prägungen, Vertrautheit, falschen Unterweisungen oder Ratschlägen zuzuhören oder über falsche Begründungen nachzudenken. Wir alle haben die Samen fehlerhafter Unterscheidungen, aber ob sie reifen oder nicht und unser Leben beeinflussen, hängt in hohem Maße von unserer Lebensführung ab. Wenn wir ein negatives oder nichttugendhaftes Leben führen, werden wir dazu neigen, falsche Gedanken zu entwickeln, um unser Verhalten zu rechtfertigen, aber wenn wir ein positives oder tugendhaftes Leben führen, werden wir viel eher korrekte Gedanken annehmen.
Die Prägungen der Unwissenheit verursachen fehlerhafte Unterscheidungen, die ein inhärent existierendes Selbst festhalten, obwohl solch ein Selbst nicht existiert. Außerdem unterscheiden wir durch unsere Vertrautheit mit Verblendungen zwischen den Menschen und teilen sie in unsere Freunde, Feinde und in Fremde ein, aber alle diese Unterscheidungen sind fehlerhafte Unterscheidungen, weil alle fühlenden Wesen in Wirklichkeit unsere Mütter sind.

Es gibt noch eine andere zweifache Unterteilung von Unterscheidung:

1. Klare Unterscheidungen
2. Unklare Unterscheidungen

Wenn unsere Unterscheidung klar ist, können wir leicht und schnell lernen. Klare und korrekte Unterscheidung ist die Grundlage für die Verbesserung unseres Verständnisses, und sie hilft uns, ungeschickte Handlungen von Körper, Rede und Geist zu vermeiden.

Wenn wir einschlafen, wird unsere Unterscheidung unklar, und dann sind wir anfällig für Fehler. Zu Beginn arbeiten unsere Sinne noch, so daß wir beispielsweise immer noch Geräusche, wie zum Beispiel die Stimmen anderer, hören können, aber wir können die Bedeutung des Gesagten nicht mehr richtig verstehen. Menschen auf dem Todesbett haben ebenfalls unklare Unterscheidung, und so ist es schwierig für sie, Anweisungen schnell zu verstehen, und deshalb machen sie viele Fehler. Auch geistige Behinderung wird oft durch unklare Unterscheidung verursacht.

Manchmal, wenn wir Unterweisungen anhören oder Dharma-Bücher lesen, finden wir sie verwirrend und haben das Gefühl, daß sie nicht sehr klar dargelegt sind, aber in Wirklichkeit ist es unsere Unterscheidung, die unklar ist. Wenn unsere Unterscheidung völlig klar wäre, könnten wir Unterweisungen durch bloße Handzeichen verstehen!

Manche Praktizierende versuchen, wenn sie erkennen, daß unsere Gefühle und Unterscheidungen Verblendungen anregen, ihre Gefühle und Unterscheidungen völlig aufzugeben, indem sie ihren Geist durch die Kraft der Konzentration nach innen richten, und versinken dadurch in einen subtilen Zustand, in dem es keine manifeste störende geistige Aktivität mehr gibt. Dieser Zustand ist als «Versenkung ohne Unterscheidung» bekannt. Es ist ein Zustand, in dem der Geist einsgerichtet im Nichts versunken ist, ohne grobe Gefühle oder Unterscheidungen. Wenn diese Praktizierenden sterben, können sie als «Götter ohne Unterscheidung» des Formbereiches, allgemein als «Langlebensgötter» bekannt, wiedergeboren werden. Dort bleiben sie für sehr lange Zeit in Versenkung ohne Unterscheidung.

Indem sie die Unterscheidung grober Objekte verhindern, machen es diese Praktizierenden den groben Verblendungen unmöglich, sich zu manifestieren. Auf diese Art merzen sie Verblendungen jedoch nicht wirklich aus, und so erlangen sie keine Befreiung aus Samsara. Obwohl es möglich ist, grobe Gefühle und Unterscheidungen, die mit groben Bewußtseinsebenen verbunden sind, zu unterdrücken und dadurch zeitweilig alle Probleme zu vermeiden, die sie schaffen, ist es nicht möglich, die subtilen Gefühle und Unterscheidungen aufzugeben, die mit dem subtilen Geist verbunden sind. Wenn wir in einen tiefen Schlaf fallen, hört die gesamte geistige Aktivität auf, der wir normalerweise gewahr sind, und es scheint, als ob wir keinen Geist mehr hätten wie ein unbelebtes Objekt. Aber was sich eigentlich ereignet hat, ist, daß unser Geist sehr subtil geworden ist. Einige Praktizierende erzielen durch die Kraft der Meditation einen ähnlichen Effekt und verwechseln es mit Befreiung. In Wirklichkeit sind sie jedoch bloß zeitweilig in einen Zustand versunken, der einem langen, tiefen Schlaf ähnelt. Schließlich, wenn ihr Karma endet, in diesem Zustand zu bleiben, wird ihre grobe geistige Aktivität wieder zurückkehren, und sie werden «aufwachen».

Zur Zeit des dritten Buddhas, Buddha Kashyapa, traten zwei Hinayana-Praktizierende in den Zustand der Versenkung ohne Unterscheidung ein und blieben durch die Kraft ihrer Konzentration für Millionen von Jahren in diesem Zustand, ohne zu sterben. Erst nachdem der vierte Buddha, Buddha Shakyamuni, ins Paranirvana gegangen war, wurden diese Meditierenden in der Nähe von Varanasi unter der Erde entdeckt. Als sie aus der subtilen Bewußtseinsstufe erwachten und wieder grobe Gefühle und Unterscheidungen entwickelten, fragten sie, wo Buddha Kashyapa sei, und Buddha Shakyamunis Schüler mußten ihnen erklären, daß Buddha Kashyapa nicht mehr in dieser Welt sei und selbst Buddha Shakyamuni bereits erschienen und verschieden sei! Nachdem sie dies gehört hatten, starben beide Meditierenden. Kraft ihrer Konzentration war es ihnen gelungen, sich für lange Zeit von den Problemen Samsaras zu isolieren, aber während sie in Versenkung waren, hatten sie keine Gelegenheit, Fortschritte in ihren Dharma-Realisationen zu machen. Somit hatten sie, als sie schließlich aus der Meditation zurückkehrten, keinen Nutzen aus ihrer ausgedehnten Versenkung erhalten.

Statt zu versuchen, alle Unterscheidungen zu stoppen, ist es nützlicher zu versuchen, korrekte Unterscheidungen zu entwickeln. Wenn wir Verblendungen völlig überwinden wollen, sollten wir, statt unseren Geist einfach nur vom Objekt der Verblendung zurückzuziehen, das Objekt des Festhaltens am Selbst deutlich identifizieren, es mit logischen Begründungen widerlegen und dann über eigentliche Leerheit meditieren. Auch bezüglich der Methoden unserer spirituellen Praxis müssen wir viele korrekte Unterscheidungen entwickeln.

Als Anhänger des Mahayana sollten wir uns nicht zu sehr für die Meditation über die Versenkung der Gefühle und Unterscheidungen interessieren, weil sie keinen langfristigen Nutzen hat. Sie hilft uns nicht, Entsagung, Mitgefühl, Bodhichitta, die korrekte Sicht der Leerheit oder die Realisationen der zwei tantrischen Stufen zu entwickeln. Manchmal, wenn der Geist sehr gestört oder ängstlich ist, mag es hilfreich sein, diese Versenkung für kurze Zeit zu praktizieren, aber wir sollten es nicht als unsere Hauptmeditation betrachten.