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Acht Schritte zum Glück

Der buddhistische Weg der liebenden Güte

Format: Gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-908543-15-2
Detail: 352 Seiten
Preis: 11.95 €  
 
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Kart. / TB | Gebundene Ausgabe

Kapitel 1 - Einführung

Dieses Buch beruht auf den berühmten Acht Versen der Geistesschulung (Lojong Tsig Gyema auf Tibetisch), die von Bodhisattva Langri Tangpa, einem buddhistischen Meister des elften Jahrhunderts aus Tibet, verfasst wurden. Obwohl dieser bemerkenswerte Text nur acht Vierzeiler umfasst, enthüllt er den Kern des buddhistischen Mahayana-Pfades zur Erleuchtung, indem er aufzeigt, wie wir unseren Geist von seinem gegenwärtig verwirrten und egozentrisch ausgerichteten Zustand in die vollkommene Weisheit und das vollkommene Mitgefühl eines Buddhas umwandeln können.

Jedes Lebewesen hat das Potential, ein Buddha zu werden, jemand, der seinen oder ihren Geist von allen Fehlern und Beschränkungen vollkommen gereinigt und alle guten Eigenschaften zur Vollendung gebracht hat. Unser Geist gleicht einem bewölkten Himmel, im Kern klar und rein, doch durch die Wolken der Verblendungen bedeckt. So wie sich die dichtesten Wolken schließlich auflösen, so können sogar die schlimmsten Verblendungen von unserem Geist entfernt werden. Verblendungen wie Hass, Gier und Unwissenheit sind kein wesentlicher Bestandteil des Geistes. Durch die Anwendung geeigneter Methoden können wir sie vollkommen beseitigen und schließlich das höchste Glück der vollen Erleuchtung erfahren.

Jeder möchte glücklich sein und niemand möchte leiden, aber sehr wenige Leute kennen die wahren Ursachen von Glück und Leid. Wir neigen dazu, das Glück außerhalb von uns selbst zu suchen, und meinen, wenn wir nur das richtige Haus, das richtige Auto, den richtigen Beruf und die richtigen Freunde hätten, wären wir wirklich glücklich. Wir verbringen fast unsere gesamte Zeit mit dem Versuch, die Außenwelt so zurechtzubiegen, dass sie unseren Wünschen entspricht. Unser ganzes Leben lang haben wir danach gestrebt, uns mit Leuten und Dingen zu umgeben, die uns ein angenehmes, sicheres oder anregendes Gefühl bereiten, und doch haben wir noch immer kein reines und anhaltendes Glück gefunden. Selbst wenn es uns gelingt, unsere Wünsche zu erfüllen, dauert es nicht lange, bis sich diese erneut ändern und wir etwas anderes begehren. Es mag sein, dass wir unser Traumhaus finden, doch einige Monate später haben wir das Gefühl, wir bräuchten eine größere Küche, ein zusätzliches Schlafzimmer oder einen größeren Garten, und schon spielen wir mit dem Gedanken umzuziehen. Oder vielleicht treffen wir den «perfekten» Partner, verlieben uns und ziehen zusammen. Anfangs scheint unser Partner die wunderbarste Person auf Erden zu sein, aber schon bald erkennen wir in ihm oder ihr Fehler. Wir stellen fest, dass wir nicht mehr verliebt sind und schon bald schauen wir uns nach jemand anderem um, der unsere Wünsche erfüllt.

Zu allen Zeiten haben Menschen danach gestrebt, ihre äußeren Umstände zu verbessern, doch trotz all unserer Bemühungen sind wir nicht glücklicher. Wenn man die materielle Entwicklung betrachtet, trifft es zu, dass viele Länder Fortschritte machen. Die Technik entwickelt sich ständig weiter und weltliches Wissen hat dramatisch zugenommen. Wir wissen so viele Dinge, die wir vorher nicht wussten, und wir können Dinge tun, von denen wir nicht einmal geträumt hätten. Oberflächlich gesehen scheint sich unsere Welt zu verbessern, aber wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass es heute viele Probleme gibt, die früher nicht existierten. Schreckliche Waffen sind erfunden worden, unsere Umwelt wird vergiftet und neue Krankheiten treten auf. Sogar einfache Freuden, wie essen oder in der Sonne liegen, werden immer gefährlicher.

Das ungehemmte Streben nach Glück, das aus äußeren Quellen stammt, hat dazu geführt, dass unser Planet zerstört und unser Leben komplizierter und unbefriedigender wird. Es ist an der Zeit, dass wir das Glück aus einer anderen Quelle suchen. Glück ist ein Geisteszustand, deshalb muss die wahre Quelle des Glücks innerhalb des Geistes liegen, nicht in äußeren Bedingungen. Ist unser Geist rein und friedvoll, sind wir glücklich, ungeachtet unserer äußeren Bedingungen, ist er jedoch unrein und verstört, können wir niemals wirklich glücklich sein, ganz gleich wie sehr wir auch versuchen, unser Umfeld zu verändern. Wir könnten unser Heim oder unseren Partner unzählige Male wechseln, aber solange wir unseren ruhelosen, unzufriedenen Geist nicht ändern, werden wir nie wahres Glück finden.

Müssten wir über raues und dorniges Gelände laufen, so könnten wir, um unsere Füße zu schützen, den ganzen Boden mit Leder überziehen, aber das wäre nicht sehr praktisch. Wir können das gleiche Ergebnis auf viel einfachere Weise erreichen – indem wir nämlich unsere Füße bedecken. Ähnlich verhält es sich auch, wenn wir uns vor Leiden schützen möchten: Wir können entweder versuchen, die ganze Welt zu verändern, um sie mit unseren Wünschen in Einklang zu bringen, oder wir können unseren Geist ändern. Bisher haben wir versucht, die Welt zu ändern, aber das ist offensichtlich nicht gelungen. Deshalb müssen wir nun unseren Geist ändern.

Der erste Schritt zur Veränderung unseres Geistes ist, zu erkennen, welche Geisteszustände Glück bringen und welche Leid erzeugen. Im Buddhismus werden Geisteszustände, die dem Frieden und Glück förderlich sind, «tugendhafte Geistesarten» genannt, während diejenigen, die unseren Frieden stören und uns Leiden verursachen, «Verblendungen» genannt werden. Wir besitzen viele verschiedene Arten von Verblendungen, wie beispielsweise begehrende Anhaftung, Wut, Eifersucht, Stolz, Geiz und Unwissenheit. Diese sind als «innere Feinde» bekannt, weil sie unser Glück von innen heraus pausenlos zerstören. Ihre einzige Funktion ist es, uns zu schaden.

Verblendungen sind eine verzerrte Art und Weise, uns selbst, andere Leute und die Welt um uns herum zu betrachten. Die Art, wie ein verblendeter Geist diese Phänomene wahrnimmt, stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Der verblendete Geisteszustand des Hasses beispielsweise nimmt eine andere Person als grundlegend schlecht wahr, obwohl es so etwas wie eine grundlegend schlechte Person gar nicht gibt. Begehrende Anhaftung andererseits sieht ihr Objekt des Begehrens als grundlegend gut und als wahre Quelle des Glückes an. Wenn wir ein starkes Verlangen danach haben, Schokolade zu essen, erscheint uns Schokolade als ein grundlegend begehrenswertes Objekt. Haben wir jedoch einmal zu viel davon gegessen und uns wird langsam übel, scheint sie nicht länger begehrenswert zu sein und mag uns sogar abstoßend erscheinen. Dies zeigt, dass Schokolade an sich weder begehrenswert noch abstoßend ist. Es ist der Geisteszustand der Anhaftung, der all die verschiedenen begehrenswerten Eigenschaften auf sie projiziert und dann mit ihr umgeht, als ob sie diese Eigenschaften wirklich besäße.

Alle Verblendungen funktionieren auf diese Weise; sie projizieren ihre eigene verzerrte Version der Wirklichkeit auf die Welt und gehen dann mit dieser Projektion um, als ob sie wahr wäre. Wenn unser Geist unter dem Einfluss von Verblendungen steht, sind wir wirklichkeitsfremd und halluzinieren in einem gewissen Sinne. Da unser Geist die ganze Zeit unter dem Einfluss zumindest subtiler Formen der Verblendung steht, ist es nicht überraschend, dass unser Leben so oft von Frustration geprägt ist. Es scheint, als ob wir ständig Trugbildern hinterher jagen würden, nur um enttäuscht zu sein, wenn sie uns nicht die Zufriedenheit geben, die wir uns erhofft hatten.

Die Quelle aller Verblendungen ist ein verzerrtes Gewahrsein, das die «Unwissenheit des Festhaltens am Selbst» genannt wird, und an Phänomenen als inhärent oder unabhängig existierend festhält. In Wirklichkeit sind alle Phänomene in Abhängigkeit entstehende Phänomene und das bedeutet, dass ihre Existenz völlig von anderen Phänomenen abhängt, wie ihren Ursachen, ihren Teilen und dem Geist, der sie festhält. Objekte existieren nicht aus sich selbst heraus; was sie sind, hängt davon ab, wie sie wahrgenommen werden. Unser Unvermögen, dies zu begreifen, ist die Wurzel all unserer Probleme.

Die Art des Festhaltens am Selbst, die uns am meisten schadet, besteht darin, an unserem eigenen Selbst oder Ich als inhärent oder unabhängig existierend festzuhalten. Instinktiv haben wir das Gefühl, dass wir ein vollkommen reales und objektives Selbst oder Ich besitzen, das unabhängig von allen anderen Phänomenen existiert, sogar vom eigenen Körper und Geist. Eine der Konsequenzen, an unserem Selbst als unabhängige, von der Welt und anderen Leuten getrennte Wesenheit festzuhalten, ist, dass wir Selbst-Wertschätzung entwickeln, eine Geistesart, die uns selbst für äußerst wichtig hält. Weil wir uns selbst so stark schätzen, fühlen wir uns zu Leuten und Dingen hingezogen, die wir attraktiv finden, wollen uns von Leuten und Dingen absondern, die wir unattraktiv finden, und sind an Leuten und Dingen uninteressiert, die wir weder attraktiv noch unattraktiv finden. Auf diese Weise entstehen begehrende Anhaftung, Wut und Gleichgültigkeit. Weil wir ein übertriebenes Gefühl unserer eigenen Wichtigkeit haben, kommt es uns so vor, als ob unsere Interessen mit denen anderer in Konflikt stünden, und dies wiederum führt zu Rivalität, Eifersucht, Arroganz und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Handeln wir unter dem Einfluss dieser und anderer Verblendungen, wird unser Verhalten destruktiv und wir töten, stehlen, begehen sexuelles Fehlverhalten, lügen und reden in verletzender Weise. Das Ergebnis dieses negativen Handelns bedeutet Leiden für uns selbst und andere.

Obwohl unsere Verblendungen tief verwurzelt sind, stellen sie keinen grundlegenden Bestandteil unseres Geistes dar und können deshalb mit Sicherheit entfernt werden. Verblendungen sind nur schlechte geistige Angewohnheiten und wie alle Angewohnheiten können sie abgebaut werden. Indem wir uns aufrichtig und stetig bemühen, uns mit konstruktiven Geisteszuständen vertraut zu machen, können wir sogar die hartnäckigsten Verblendungen beseitigen und sie durch entgegengesetzte Tugenden ersetzen. Beispielsweise können wir unsere Wut abschwächen, indem wir unseren Geist mit Geduld und Liebe vertraut machen, unsere begehrende Anhaftung können wir mildern, indem wir unseren Geist mit Nichtanhaftung vertraut machen und unsere Eifersucht können wir verringern, indem wir uns am Glück anderer erfreuen.

Um Verblendungen aber vollkommen auszumerzen, müssen wir ihre Wurzel zerstören – den Geist des Festhaltens am Selbst. Um dies zu erreichen, ist es nötig, unseren Geist mit der wahren Natur der Wirklichkeit, der endgültigen Wahrheit, vertraut zu machen. Wenn wir das Festhalten am Selbst zerstören, enden alle anderen Verblendungen ganz natürlich, so wie die Blätter und Äste eines Baumes sterben, wenn wir seine Wurzeln zerstören. Haben wir unsere Verblendungen vollkommen ausgemerzt, wird es für uns absolut unmöglich sein, unruhige Geisteszustände zu erfahren. Da wir dann keine inneren Ursachen von Leiden mehr besitzen, haben äußere Ursachen von Leiden, wie Krankheit oder Tod, keine Kraft mehr, unseren Geist zu stören. Diese beständige Beendigung der Verblendungen und des Leidens ist bekannt als «Befreiung» oder «Nirvana» auf Sanskrit.

Obwohl es eine großartige Leistung ist, die eigene Befreiung von Leiden zu erlangen, ist dies nicht ausreichend. Wir sind keine isolierten Individuen, sondern Teil der Familie aller Lebewesen. Unsere gesamte Habe, alle unsere Freuden, unsere Möglichkeiten zur spirituellen Entwicklung und sogar unseren eigenen Körper verdanken wir der Güte anderer Lebewesen. Können wir unserem eigenen Leiden entfliehen und alle anderen ihrem Schicksal überlassen? Das wäre vergleichbar mit einem jungen Mann, der zusammen mit seinen betagten Eltern gefangengehalten wird, jedoch allein ausbricht und seine Eltern zurücklässt. Einen solchen Menschen würden wir nicht bewundern. Wir müssen uns auf jeden Fall bemühen, uns selbst aus dem geistigen Gefängnis unserer verblendeten Geisteszustände zu befreien, unser endgültiges Ziel jedoch muss sein, allen anderen zu helfen, das gleiche zu tun.

Somit ist das endgültige Ziel des Buddhismus das Erlangen der vollen Erleuchtung, der Buddhaschaft. Der Sanskrit Begriff «Buddha» bedeutet «der Erwachte» und bezieht sich auf jeden, der aus dem Schlaf der Unwissenheit erwacht und vom Traum der fehlerhaften Erscheinung befreit ist. Weil gewöhnliche Wesen wie wir noch nicht vom Schlaf der Unwissenheit erwacht sind, leben wir weiterhin in einer traumgleichen Welt fehlerhafter Erscheinungen und sehen die wahre Natur der Dinge nicht. Das ist der eigentliche Grund, warum wir Leiden erfahren und nur begrenzt für andere von Nutzen sind. Buddhas haben die allwissende Weisheit und die unbegrenzte Fähigkeit erlangt, allen Lebewesen zu helfen, indem sie alle Spuren der Dunkelheit der Unwissenheit aus ihrem Geist vollkommen entfernt haben.

Ihr grenzenloses und allumfassendes Mitgefühl gibt den Buddhas die Energie, ohne Unterlass für das Wohl anderer zu arbeiten. Sie verstehen die wahren Ursachen des Glücks und des Leidens und sie wissen genau, wie Lebewesen im Einklang mit ihren individuellen Bedürfnissen und Neigungen zu helfen ist. Buddhas haben die Fähigkeit, den Geist anderer zu segnen und somit ihre Verblendungen zum Abklingen zu bringen und ihre Tugenden zu vermehren; und sie haben ferner die Kraft, unzählige Formen zum Wohle anderer auszustrahlen. Die effektivste Art und Weise, in der Buddhas Lebewesen helfen, ist, sie darin zu schulen, ihren Geist unter Kontrolle zu bringen und dem spirituellen Pfad zur Befreiung und Erleuchtung zu folgen.

Der Gründer des Buddhismus in dieser Welt war Buddha Shakyamuni. Nachdem Buddha Erleuchtung erlangt hatte, gab er vierundachtzigtausend Unterweisungen. Jede einzelne ist ein Ratschlag, wie man Verblendungen bändigt und überwindet, indem man tugendhafte Geisteszustände entwickelt. Buddhas Unterweisungen sowie die inneren Realisationen, die erlangt werden, indem man diese Unterweisungen in die Praxis umsetzt, sind als «Dharma» bekannt.

Bodhisattva Langri Tangpa hat in dem Text, auf dem dieses Buch beruht, die ganze Essenz des Buddhadharmas in acht kurzen Versen zusammengefasst. Durch Kontemplation der Bedeutung dieser Verse werden wir sehen, dass sie einen Pfad enthalten, der Schritt für Schritt zu vollkommenem inneren Frieden und Glück führt. Wenn wir diese Unterweisungen aufrichtig in die Praxis umsetzen, werden wir allmählich unsere destruktiven und egozentrischen Geistesgewohnheiten bändigen und sie durch die positiven Geistesarten der bedingungslosen Liebe und des Mitgefühls ersetzen. Schließlich werden wir, indem wir den Anweisungen folgen, die im Kapitel über den endgültigen Bodhichitta dargelegt werden, fähig sein, die grundlegende Verblendung der Unwissenheit des Festhaltens am Selbst samt ihrer Prägungen zu überwinden, und somit die Glückseligkeit der vollen Erleuchtung erfahren. Dies ist die wahre Bedeutung, Glück aus einer anderen Quelle zu schöpfen.

Obwohl die Acht Verse vor über neunhundert Jahren verfasst wurden, sind sie noch heute so relevant wie damals. Ob Buddhist oder nicht, jeder, der den ernsthaften Wunsch hat, seine inneren Probleme zu überwinden und dauerhaften inneren Frieden und Glück zu erlangen, kann aus Langri Tangpas Rat Nutzen ziehen.

Wiedergeburt und Karma

Da etwas Hintergrundwissen über Wiedergeburt und Karma für das Verständnis der Hauptübungen, die in diesem Buch erklärt werden, hilfreich ist, folgt nun eine kurze Einführung zu diesen Themen.

Der Geist ist weder physisch noch ist er ein Nebenprodukt rein physikalischer Prozesse, sondern ist ein formloses Kontinuum, eine vom Körper getrennte Wesenheit. Wenn der Körper zum Zeitpunkt des Todes zerfällt, endet der Geist nicht. Unser oberflächlicher bewusster Geist endet zwar, doch löst er sich in eine tiefere Ebene des Bewusstseins auf, die der «sehr subtile Geist» genannt wird. Das Kontinuum unseres sehr subtilen Geistes hat keinen Anfang und kein Ende, und es ist dieser Geist, der, wenn er vollkommen gereinigt ist, sich in den allwissenden Geist eines Buddhas umwandelt.

Jede Handlung, die wir ausführen, hinterlässt eine Prägung oder ein Potential in unserem sehr subtilen Geist, und jedes karmische Potential wird schließlich seine eigene Wirkung hervorbringen. Unser Geist gleicht einem Feld, und das Ausführen von Handlungen gleicht dem Säen von Samen in dieses Feld. Positive oder tugendhafte Handlungen hinterlassen Samen für zukünftiges Glück und negative oder nichttugendhafte Handlungen hinterlassen Samen für zukünftige Leiden. Diese eindeutige Beziehung zwischen Handlungen und ihren Auswirkungen – Tugend führt zu Glück und Nichtugend zu Leiden – ist als das «Gesetz des Karmas» bekannt. Ein Verständnis des Gesetzes des Karmas bildet die Basis der buddhistischen Moral.

Nach unserem Tod verlässt der sehr subtile Geist unseren Körper und tritt in den Zwischenzustand oder «Bardo» auf Tibetisch ein. In diesem subtilen, traumgleichen Zustand haben wir viele verschiedene Visionen, die aus unseren karmischen Potentialen entstehen, die zum Zeitpunkt unseres Todes aktiviert wurden. Diese Visionen können angenehm oder furchterregend sein, je nach dem welches Karma heranreift. Sind diese karmischen Samen völlig herangereift, so bestimmen sie unsere Wiedergeburt, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können.

Es ist wichtig zu verstehen, dass wir als gewöhnliche samsarische Wesen unsere Wiedergeburt nicht auswählen können, sondern einzig und allein unserem Karma entsprechend wieder geboren werden. Wenn gutes Karma reift, werden wir in einem glücklichen Zustand wieder geboren, entweder als Mensch oder Gott, reift aber negatives Karma heran, so werden wir in einem niederen Zustand wieder geboren, als Tier, Hungriger Geist oder Höllenwesen. Es ist, als ob wir von den Winden unseres Karmas in unser zukünftiges Leben geweht würden, manchmal landen wir in höheren Wiedergeburten, manchmal in niederen.

Dieser ununterbrochene Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, dem wir wahllos unterworfen sind, nennt man «zyklische Existenz» oder «Samsara» auf Sanskrit. Samsara gleicht einem Riesenrad, manchmal bringt es uns hoch in die drei höheren Bereiche, und manchmal hinab in die drei niederen Bereiche. Die treibende Kraft des samsarischen Rades sind unsere verunreinigten Handlungen, welche von Verblendungen motiviert sind, und die Radnabe ist die Unwissenheit des Festhaltens am Selbst. Solange wir auf diesem Rad bleiben, werden wir einen unaufhörlichen Kreislauf des Leidens und der Unzufriedenheit erleben, und wir werden keine Gelegenheit haben, reines, dauerhaftes Glück zu erfahren. Praktizieren wir aber den buddhistischen Pfad zur Befreiung und Erleuchtung, so können wir das Festhalten am Selbst zerstören und uns dadurch vom Kreislauf der unkontrollierten Wiedergeburt befreien und einen Zustand des vollkommenen Friedens und der Freiheit erlangen. Dann werden wir imstande sein, anderen zu helfen, gleiches zu tun. Eine ausführliche Erklärung über Wiedergeburt und Karma kann in den Büchern Einführung in den Buddhismus und Freudvoller Weg gefunden werden.