Kapitel 1 - Einführung
Einführung und VorbereitungenEs freut mich sehr, diese Gelegenheit zu haben, die Methode für die Praxis von Vajrayana Mahamudra gemäß der Mahayana-Tradition zu erklären. Diese Erklärung wird unter drei Hauptüberschriften gegeben:
1. Eine Einführung in die allgemeinen Pfade
2. Die Quelle der Überlieferungslinie, aus der diese Anweisungen abgeleitet wurden
3. Die eigentliche Erklärung der Anweisungen, die diese Überlieferungslinie besitzen
Eine Einführung in die allgemeinen Pfade
Im Leitfaden für die Lebensweise eines Bodhisattvas sagt Shantideva:
Indem wir uns auf diese bootsähnliche menschliche Form verlassen,
Können wie den großen Ozean des Leidens überqueren.
Da es schwierig sein wird, erneut ein solches Gefäß zu finden,
Ist dies nicht die Zeit zu schlafen, du Dummkopf!
Samsara ist wie ein weiter Ozean, denn so wie aus dem Ozean Wellen entstehen, entsteht Leiden aus der Wiedergeburt in Samsara. Im Moment besitzen wir einen wertvollen menschlichen Körper, der das beste Gefährt ist, um diesen gefährlichen Ozean Samsaras zu überqueren. Wenn wir dieses kostbare Leben verschwenden würden, ohne den vollen Nutzen daraus zu ziehen, wären wir sehr dumm. Wir wären wie der Abenteurer, der eine lange Zeit darauf warten mußte, ein Boot zu finden, das ihn auf eine Schatzinsel brachte, der aber, nachdem er schließlich ein Boot gefunden hatte, einschlief, anstatt sofortigen Nutzen daraus zu ziehen. Wie dumm muß er sich vorgekommen sein, als er aufwachte und entdeckte, daß das lang ersehnte Gefährt weggetrieben worden war und er immer noch keine Möglichkeit besaß, zur Insel zu gelangen! Zur Zeit haben wir einen menschlichen Körper, der uns zur Insel der vollen Erleuchtung oder Buddhaschaft bringen kann. Es wäre wirklich tragisch, wenn wir diesen Körper mit den bedeutungslosen Aktivitäten dieses Lebens verschwenden würden, anstatt Nutzen daraus zu ziehen. Es wird nicht leicht sein, in der Zukunft erneut eine Gelegenheit wie diese zu finden.
Das höchste aller möglichen menschlichen Ziele ist die Erlangung der vollständigen Erleuchtung, eines endgültigen Zustandes des Friedens, in dem alle Behinderungen, die den Geist verdunkeln, entfernt worden sind und in dem alle guten Qualitäten wie Weisheit, Mitgefühl und geschickte Mittel voll entwickelt sind. Dieses endgültige Ziel können wir jedoch nicht erreichen, indem wir bloß darauf warten; wir müssen die angemessenen Methoden anwenden, die uns dorthin bringen.
Welches sind die Methoden, mit denen man den Frieden der vollen Erleuchtung erlangt? Es sind die Pfade von Sutra und Geheimem Mantra; es gibt keine dritte Methode. Von diesen beiden sind die Techniken, die im Geheimen Mantra enthüllt werden, denjenigen überlegen, die in den Sutras enthüllt werden. Das Geheime Mantra ist nicht nur der höchste Pfad zur vollen Erleuchtung, es ist auch äußerst selten. Wie Je Tsongkhapa sagte, sind die Unterweisungen des Geheimen Mantras sogar seltener als die Buddhas, denn nur der vierte (Buddha Shakyamuni), der elfte und der letzte der tausend Gründer-Buddhas, die während dieses glücklichen Äons erscheinen werden, werden die Pfade des Geheimen Mantras lehren.
Im Moment haben wir eine großartige Gelegenheit, diese seltenen und nützlichen Unterweisungen zu praktizieren. Deshalb ist es wichtig, daß wir eine starke Absicht entwikkeln, sie rein zu praktizieren. Wenn die Mahayana-Unterweisungen aus dieser Welt verschwinden würden, hätten wir keine Gelegenheit, ein Buddha zu werden. Deshalb sollten wir uns diesen kostbaren Unterweisungen gewissenhaft widmen und versuchen, etwas Erfahrung damit zu gewinnen, solange wir noch Zugang haben.
Die Etymologie von Geheimem Mantra ist wie folgt: «Geheim» weist darauf hin, daß diese Methoden diskret praktiziert werden sollten. Wenn wir unsere Übungen zur Schau stellen, werden wir viele Behinderungen und negative Kräfte anziehen. Wir wären wie jemand, der offen und unbesonnen über ein kostbares Juwel in seinem Besitz spricht und dadurch die Aufmerksamkeit von Dieben auf sich zieht. «Mantra» bedeutet «Schutz für den Geist». Die Funktion des Geheimen Mantras ist es, uns zu ermöglichen, schnell auf den Stufen des spirituellen Pfades voranzuschreiten, indem wir unseren Geist vor gewöhnlichen Erscheinungen und gewöhnlichen Vorstellungen schützen.
Die Übungen und die Schriften des Geheimen Mantras werden auch das «Vajrayana» genannt. Hier bedeutet «Vajra» unzerstörbar, und «yana» bedeutet Fahrzeug. In diesem Zusammenhang bezieht sich «Vajra» auf die Unteilbarkeit von Methode und Weisheit, wobei die Methode Spontane Große Glückseligkeit und die Weisheit das fehlerlose Verständnis von Leerheit ist. Die Methode ist die Ursache für den Formkörper eines Buddhas, und die Weisheit ist die Ursache für den Wahrheitskörper. Die Vereinigung von Methode und Weisheit, die die Vereinigung von Spontaner Großer Glückseligkeit und Leerheit ist, gibt es nur im Geheimen Mantra. Sie ist der schnellste Weg, die zwei Körper eines Buddhas zu erlangen.
Je Tsongkhapa erklärte, daß eine authentische Praxis des Geheimen Mantras vier Merkmale besitzen muß, die als die «vier vollständigen Reinheiten» bekannt sind. Diese sind: vollständige Reinheit des Ortes, vollständige Reinheit des Körpers, vollständige Reinheit der Vergnügen und vollständige Reinheit der Taten. Die Praxis dieser vier vollständigen Reinheiten wird in den Sutra-Unterweisungen nicht enthüllt, sondern kann nur im Geheimen Mantra gefunden werden. Das Geheime Mantra unterscheidet sich von Sutra durch die Praxis, das zukünftige Resultat in den gegenwärtigen Pfad einzubringen. Obwohl wir noch nicht Erleuchtung erlangt haben, versuchen wir beispielsweise, wenn wir Geheimes Mantra praktizieren, gewöhnliche Erscheinungen und Vorstellungen zu vermeiden und stattdessen unsere Umgebung als das Mandala einer Gottheit zu visualisieren. Auf die gleiche Weise vermeiden wir die gewöhnliche Erscheinung unseres Körpers, unserer Vergnügen und unserer Taten und erzeugen uns an ihrer Stelle als Gottheit, visualisieren unsere Vergnügen als die eines Buddhas und praktizieren das Ausführen erleuchteter Taten. Durch solche Übungen können wir den resultierenden Zustand der Buddhaschaft sehr rasch erlangen. Diese vier Übungen sind sowohl für die Erzeugungsstufe als auch für die Vollendungsstufe des Geheimen Mantras wesentlich und bilden somit die Grundlage für die in diesem Buch dargelegten Unterweisungen, wie zum Beispiel die Anweisungen über Inneres Feuer (Tib. Tummo).
Das Geheime Mantra hat vier Ebenen: Handlungs-Tantra, Ausführungs-Tantra, Yoga-Tantra und Höchstes Yoga-Tantra. Handlungs-Tantra betont in erster Linie äußere Handlungen, Ausführungs-Tantra betont äußere und innere Handlungen gleich stark, Yoga-Tantra betont vor allem innere Handlungen und Höchstes Yoga-Tantra ist die höchste Klasse des Tantras.
Alle vier Ebenen des Geheimen Mantras wandeln große Glückseligkeit in den spirituellen Pfad um, aber die Methoden der Umwandlung unterscheiden sich jeweils gemäß der Ebene, die praktiziert wird. Im Handlungs-Tantra erzeugt der Meditierende Glückseligkeit, indem er eine visualisierte Göttin anschaut und dann diese Glückseligkeit in den Pfad umwandelt. Im Ausführungs-Tantra erzeugt der Meditierende Glückseligkeit, indem er selbst und die Göttin sich anlächeln, und im Yoga-Tantra, indem er ihre Hand hält und so fort. Im Höchsten Yoga-Tantra erzeugt der Meditierende Große Glückseligkeit, indem er sich die sexuelle Vereinigung mit einer Gefährtin vorstellt, und in fortgeschrittenen Stufen, indem er die tatsächliche Vereinigung ausführt, und dann wandelt er diese Glückseligkeit in den spirituellen Pfad um. Es sollte jedoch beachtet werden, daß es sehr schwierig ist, Große Glückseligkeit als Methode zu benutzen, um Erleuchtung zu erlangen, und wir haben, wenn wir dazu fähig sind, tatsächlich eine großartige Erlangung erzielt. Wie der große Mahasiddha Saraha sagte: «Alle finden die sexuelle Vereinigung erregend, aber sehr wenige können diese Glückseligkeit in den spirituellen Pfad umwandeln.»
Generell wird im Buddhismus gelehrt, daß Anhaftung eine Verblendung ist, die vermieden und schließlich aufgegeben werden sollte, aber im Geheimen Mantra gibt es eine Methode, Anhaftung in den spirituellen Pfad umzuwandeln. Um diese Methode jedoch praktizieren zu können, müssen wir sehr geschickt sein. In dieser Praxis benutzen wir Anhaftung, um Große Glückseligkeit zu erzeugen und benutzen dann diesen Geist der Großen Glückseligkeit, um über Leerheit zu meditieren. Nur wenn wir dies tun können, ist es eine Umwandlung von Anhaftung. Anhaftung allein kann nicht direkt als ein Pfad benutzt werden, weil sie eine Verblendung ist, und sogar im Geheimen Mantra muß sie schließlich aufgegeben werden. In der authentischen Praxis des Geheimen Mantras meditiert die durch Anhaftung erzeugte Glückseligkeit über Leerheit und überwindet dadurch alle Verblendungen, einschließlich der Anhaftung selbst. Dies ist mit einem Feuer vergleichbar, das durch Aneinanderreiben von zwei Holzstücken erzeugt wird und schließlich das Holz vernichtet, aus dem es entstanden ist.
Für diejenigen, die ungeschickt sind oder deren Geist nicht geschult ist, sind solche Transformationsübungen unmöglich. Aus diesem Grund sagten die Yogis und die großen Meditierenden der Vergangenheit, daß man, um die Realisationen des Geheimen Mantras zu erlangen, zuerst den Geist durch die Schulung in den Stufen des Pfades von Sutra unter Kontrolle bringen sollte. Ohne dieses feste Fundament errichtet zu haben, ist es absolut unmöglich, eine reine Erfahrung des Geheimen Mantras zu erlangen.
Es kann sowohl für den Spirituellen Meister als auch für den Schüler oder die Schülerin gefährlich sein, diese Anweisungen des Geheimen Mantras zu enthüllen, wenn entweder der eine oder der andere nicht qualifiziert ist. Zumindest sollten beide eine angemessene Motivation haben. Ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte diese Methode nur aus der großen mitfühlenden Absicht heraus enthüllen, den heiligen Dharma zum Wohle anderer zu verbreiten. Diese Methoden aus Anhaftung an das Glück dieses Lebens zu enthüllen – dem Wunsch nach Ruhm, nach Geschenken und so fort – wäre eine Ursache für eine Wiedergeburt in der tiefsten Hölle.
Es wäre auch gefährlich für den Schüler oder die Schülerin, die Ermächtigung und die Anweisungen des Geheimen Mantras zu empfangen, wenn er oder sie nicht danach strebt, die Gelübde und Verpflichtungen einzuhalten, wenn er oder sie nur ein Anwachsen des Ruhmes, des Besitzes und so fort wünscht, oder wenn er oder sie bloß Informationen für akademische Zwecke sammeln will. Alle diese oder ähnliche Formen weltlicher Motivation würden zu nichts anderem als zukünftigem Leiden führen.
Es ist deshalb sehr wichtig, daß sowohl der Spirituelle Meister als auch der Schüler oder die Schülerin einen kontrollierten Geist und eine makellose Motivation haben. Selbst wenn wir uns Buddhisten nennen und jeden Tag Zuflucht zu den Drei Juwelen nehmen, sind diese Qualifikationen allein ungenügend für die Praxis des Geheimen Mantras. Wir müssen außerdem die höchstmögliche Motivation erzeugen – den kostbaren Geist des Bodhichittas – und uns ausschließlich dem Wohle anderer widmen. Deshalb sollten wir jedesmal, wenn wir über das Geheime Mantra meditieren, damit beginnen, Bodhichitta zu erzeugen, während wir das folgende Gebet rezitieren:
Zum Wohle aller fühlenden Wesen
Werde ich den Nektar dieser Anweisungen trinken,
Damit ich innerhalb dieses Lebens Buddhaschaft erlangen möge
Durch den tiefgründigen Pfad des Geheimen Mantras.
Es folgt nun eine Einführung in Mahamudra im Allgemeinen und zu diesem Text im besonderen. Mahamudra ist ein Sanskrit-Bergriff und besteht aus zwei Teilen: «maha» bedeutet «groß» und «mudra» bedeutet «Siegel». Im Mahamudra-System von Sutra bezieht sich großes Siegel auf Leerheit. Im Sutra König der Konzentration sagt Buddha:
«Die Natur aller Phänomene ist das große Siegel.»
Hier bezieht sich «Natur» auf die endgültige Natur aller Phänomene, und diese ist ihre Leerheit oder ihr Fehlen von inhärenter Existenz. Diese Leerheit wir das «große Siegel» genannt, weil sich Phänomene nie vom Zustand des Fehlens von inhärenter Existenz entfernen. Generell machen alle Buddhisten vier Sichtweisen geltend:
(1) Alles Erzeugte ist unbeständig
(2) Alle verunreinigten Dinge sind von der Natur des Leidens
(3) Alle Phänomene sind selbst-los
(4) Nur Nirvana ist Frieden
Weil diese Sichtweisen unwiderlegbar sind, werden sie die «vier Siegel» genannt. Das dritte dieser Siegel ist als das «große Siegel» bekannt. Da Leerheit die Natur aller Phänomene ist, wird sie ein «Siegel» genannt, und da eine direkte Realisation von Leerheit uns befähigt, das große Ziel zu erreichen – die vollständige Befreiung von den Leiden Samsaras – wird sie auch «groß» genannt.
Im vorliegenden Text wird die Mahamudra-Meditation nicht gemäß dem System von Sutra erklärt, sondern gemäß der Vollendungsstufe des Höchsten Yoga-Tantras. In diesem System bezieht sich «groß» auf Spontane Große Glückseligkeit und «Siegel» auf Leerheit. Deshalb ist im Geheimen Mantra Mahamudra die Vereinigung von Spontaner Großer Glückseligkeit und Leerheit.
Gemäß dem Geheimen Mantra ist Mahamudra in zwei Stufen unterteilt: in Ursache-Zeit-Mahamudra und Ergebnis-Zeit-Mahamudra. Ursache-Zeit ist die Zeit, die auf dem Pfad, der zur vollen Erleuchtung führt, aufgewendet wird, und deshalb ist Ursache-Zeit-Mahamudra das Mahamudra, das vor dem Erlangen der Buddhaschaft praktiziert wird. Ergebnis-Zeit-Mahamudra ist die Vereinigung des Nicht-mehr-Lernens, und das ist der eigentliche Zustand der Buddhaschaft.
Ursache-Zeit-Mahamudra ist in zwei aufeinanderfolgende Stufen unterteilt: das Mahamudra, das die Vereinigung von Spontaner Großer Glückseligkeit und Leerheit ist, und das Mahamudra, das die Vereinigung der zwei Wahrheiten ist. Die erste Vereinigung findet statt, wenn der Subjekt-Geist von Spontaner Großer Glückseligkeit Leerheit als sein Objekt realisiert. Das Objekt, Leerheit, ist das gleiche in Sutra und Tantra; was anders ist, ist der Geist, der diese Leerheit realisiert. Es ist der Subjekt-Geist der Spontanen Großen Glückseligkeit, der die Überlegenheit der GeheimenMantra-Meditation gegenüber der Sutra-Meditation ausmacht. Leerheit mit dem Geist Spontaner Großer Glückseligkeit zu realisieren ist die schnellste Methode, volle Erleuchtung zu erlangen.
Es sollte beachtet werden, daß die Spontane Große Glückseligkeit der Vollendungsstufe des Geheimen Mantras nicht das gleiche ist wie das gewöhnliche Vergnügen, das auf dem Höhepunkt der sexuellen Vereinigung erfahren wird. Spontane Große Glückseligkeit wird nur erfahren, wenn wir durch die Kraft der Meditation bewirken, daß die Winde in den Zentralkanal eintreten, dort verweilen und sich darin auflösen, und daß als Ergebnis der weiße Tropfen schmilzt und durch den Zentralkanal fließt. Das Benutzen Spontaner Großer Glückseligkeit für die Realisation von Leerheit war die essentielle Herzpraxis der großen Meister des Geheimen Mantras im alten Indien, wie zum Beispiel Saraha, Nagarjuna, Tilopa, Naropa und Maitripa, und auch der großen tibetischen Meister wie Marpa, Milarepa, Gampopa und Je Tsongkhapa. Es ist auch heute noch so wie früher: der höchste Pfad zur vollkommenen Erleuchtung des Meditierenden des Geheimen Mantras ist die Vereinigung von Spontaner Großer Glückseligkeit und Leerheit.
Die zweite Stufe des Ursache-Zeit-Mahamudras ist das Mahamudra, das die Vereinigung der zwei Wahrheiten ist, der konventionellen und der endgültigen Wahrheit. In diesem Zusammenhang ist der reine Illusorische Körper als konventionelle Wahrheit und das Sinn-Klare-Licht als endgültige Wahrheit bekannt. Das gleichzeitige Zusammenfügen dieser zwei Wahrheiten im Geisteskontinuum einer Person ist als das Mahamudra bekannt, das die Vereinigung der zwei Wahrheiten ist. Dieses Mahamudra ist die gereifte Frucht des Mahamudras, das die Vereinigung von Glückseligkeit und Leerheit ist. Das Ursache-Zeit-Mahamudra enthält deshalb sowohl eine Ursache als auch ein Ergebnis. Durch die Kraft der Vollendung dieses zweistufigen Ursache-Zeit-Mahamudras werden wir das Ergebnis-Zeit-Mahamudra oder die eigentliche Buddhaschaft erlangen, die die sieben herausragenden Qualitäten der Umarmung besitzt. Dies beschließt die Erklärung der allgemeinen Pfade des Geheimen Mantras.
Die Quelle der Überlieferungslinie, aus der diese Anweisungen abgeleitet wurden
Alle Meditationen, die im vorliegenden Text enthalten sind, stammen von Eroberer Vajradhara und den großen Meistern des Geheimen Mantras des alten Indiens. Diese Techniken wurden von den indischen Meistern an die tibetischen Meister überliefert, und wurden in einer ungebrochenen Überlieferungslinie an die gegenwärtigen Lehrer weitergegeben, vom spirituellen Vater zum spirituellen Sohn.
Obschon Mahamudra-Meditationen von den alten indischen Meistern praktiziert wurden, ist das besondere System des Mahamudras, das hier dargestellt wird, eine «nahe» Überlieferungslinie, die vom Eroberer Vajradhara an den Weisheits-Buddha Manjushri vermittelt wurde, der sie wiederum direkt an Je Tsongkhapa weitergab. Somit war Je Tsongkhapa der erste menschliche Meister in dieser besonderen Überlieferungslinie.
Die Gurus der nahen Überlieferungslinie des Vajrayana- Mahamudras sind die folgenden:
- Vajradhara
- Manjushri
- Je Tsongkhapa
- Togdän Jampäl Gyatso
- Baso Chökyi Gyaltsän
- Drubchen Dharmavajra
- Gyalwa Ensäpa
- Khädrub Sangye Yeshe
- Panchen Losang Chökyi Gyaltsän
- Drubchen Gendun Gyaltsän
- Drungpa Tsöndru Gyaltsän
- Könchog Gyaltsän
- Panchen Losang Yeshe
- Losang Trinlay
- Drubwang Losang Namgyal
- Kachen Yeshe Gyaltsän
- Phurchog Ngawang Jampa
- Panchen Palden Yeshe
- Khädrub Ngawang Dorje
- Ngulchu Dharmabhadra
- Yangchän Drubpay Dorje
- Khädrub Tendzin Tsöndru
- Dorjechang Phabongkha Trinlay Gyatso
- Yongdzin Dorjechang Losang Yeshe
- Dorjechang Kelsang Gyatso Rinpoche
Die Bittgebete an die Gurus der Mahamudra-Überlieferungslinie können im Anhang II gefunden werden. Wenn wir aufrichtig daran interessiert sind, die in diesem Buch erklärten Meditationen zu studieren und zu praktizieren, sollten wir die Segnungen der Mahamudra-Überlieferungslinien-Gurus empfangen, indem wir ein Mandala darbringen und dieses Gebet rezitieren. Da die erfolgreiche Praxis in hohem Maße von den Segnungen und Inspirationen der Spirituellen Meister abhängt, wird der weise Schüler diesen Rat nicht vernachlässigen.
Die eigentliche Erklärung der Anweisungen, die diese Überlieferungslinie besitzen
Diese Anweisungen werden unter drei Überschriften gegeben:
1. Die vorbereitenden Übungen
2. Die eigentliche Praxis
3. Die abschließenden Stufen
Die vorbereitenden Übungen
Um die Übungen des Mahamudras erfolgreich auszuführen, müssen wir zwei Arten von Vorbereitungen vollenden:
1. Die allgemeinen vorbereitenden Übungen
2. Die außergewöhnlichen vorbereitenden Übungen
Die allgemeinen vorbereitenden Übungen
Diese Übungen bereiten uns auf die fortgeschritteneren Techniken des Geheimen Mantras vor. Sie reinigen die verschiedenen Hindernisse und Verunreinigungen von Körper, Rede und Geist und beseitigen dadurch Behinderungen, die eine erfolgreiche Praxis stören würden. Sie dienen weiter dazu, einen Vorrat an positiver Energie oder Verdiensten zu erzeugen, und dadumarch ist es möglich, daß Realisationen der fortgeschritteneren Übungen in unserem Geist reifen.
Dieser Vorgang der Reinigung und des Ansammelns von Verdiensten kann mit der Art und Weise verglichen werden, wie ein Bauer ein Feld zur Bebauung vorbereitet: Zuerst entfernt er die Steine und das Unkraut, die das Wachstum behindern, und dann nährt er den Boden mit Wasser, Dünger und so fort. Genau wie diese Vorkehrungen eine erfolgreiche Ernte garantieren, so garantiert die richtige Praxis der Vorbereitungen eine erfolgreiche Meditation des Geheimen Mantras.
Es gibt vier allgemeine Vorbereitungen:
1. Der Führer der Zufluchtnahme und des Erzeugens von Bodhichitta, das Tor zum Buddhadharma und zum Mahayana
2. Der Führer der Mandala-Darbringungen, das Tor zur Ansammlung von Verdiensten
3. Der Führer der Meditation und Rezitation des Vajrasattva, das Tor zur Reinigung von Negativität und Übertretungen
4. Der Führer des Guru-Yogas, das Tor zum Empfangen von Segnungen
Es würde zu weit führen, diese vier Vorbereitungen an dieser Stelle zu erklären. Wer ernsthaft an der Mahamudra-Praxis interessiert ist, sollte authentische Erklärungen dieser Formen der Praxis beiziehen, wie sie zum Beispiel in Führer ins Dakiniland enthalten sind, und diese Anweisungen gewissenhaft anwenden.
Die aussergewöhnlichen vorbereitenden Übungen
Wie bereits erwähnt, besteht die Meditation des Höchsten Yoga-Tantras aus zwei Teilen: der Erzeugungsstufe und der Vollendungsstufe. Die Techniken des Geheimen-Mantra-Mahamudras gehören zur Vollendungsstufe. Dieser gehen die verschiedenen Yogas der Erzeugungsstufe voran, die die außergewöhnlichen Vorbereitungen sind. Zu jeder Gottheit des Höchsten Yoga-Tantras gehört eine Praxis der Erzeugungsstufe. Eine ausführliche Erklärung dazu ist in Je Tsongkhapas Große Darlegung der Stufen des Pfades des Geheimen Mantras und in Khädrubjes Ozean der Erlangungen zu finden.
Die Erzeugungsstufe des Geheimen Mantras besteht nicht nur darin, sich selbst als eine bestimmte Gottheit zu erzeugen. Damit eine Praxis eine wirkliche Praxis der Erzeugungsstufe ist, müssen wir uns selbst als Gottheit erzeugen in Verbindung mit dem Yoga, die drei Körper in den Pfad zu bringen. Wenn wir Geheimes-Mantra-Mahamudra praktizieren wollen, aber die oben erwähnten Texte, in denen diese Yogas ausführlich erklärt werden, nicht studieren können, sollten wir zumindest kurze Anweisungen über die Erzeugungsstufe von einem qualifizierten tantrischen Meister erhalten. Um solche Anweisungen zu bekommen und sie zu praktizieren, müssen wir zuerst eine entsprechende Höchste-Yoga-Tantra-Ermächtigung empfangen.
Wenn wir zum Beispiel die Ermächtigung von Heruka erhalten haben, sollten wir die Erzeugungsstufe des Heruka-Tantras praktizieren, bevor wir Mahamudra ausüben. Wenn möglich sollten wir versuchen, die Erzeugungsstufe von Heruka gemäß dem Kommentar zu praktizieren, indem wir einem Sadhana wie Der schnelle Pfad folgen, das im Anhang II zu finden ist. Wenn dies nicht möglich ist, sollten wir zumindest versuchen, gemäß der folgenden, stark zusammengefaßten Methode zu praktizieren.
Wir beginnen, indem wir uns auf unser Meditationskissen setzen und dreimal rezitieren:
Auf ewig werde ich Zuflucht nehmen
Zu Buddha, Dharma und Sangha.
Zum Wohle aller Lebewesen
Werde ich Heruka werden.
Dann visualisieren wir:
Alle Welten und ihre Bewohner schmelzen zu blauem Licht, das sich dann in mich auflöst. Mein Körper schmilzt gleichzeitig von unten und oben allmählich zu Licht und wird schrittweise kleiner und kleiner, bis er sich in den blauen Buchstaben HUM bei meinem Herzen auflöst. Der Buchstabe HUM löst sich dann schrittweise von unten her in das Nada auf. Schließlich verschwindet sogar das Nada, indem es sich in Klares-Licht-Leerheit auflöst.
Zu diesem Zeitpunkt denken wir mit tiefer Überzeugung, daß unser Geist und Herukas Geist ununterscheidbar vermischt sind wie Wasser gemischt mit Wasser. Wir richten uns auf diesen Klares-Licht-Wahrheitskörper und erzeugen göttlichen Stolz, indem wir denken:
Das bin ich; ich bin der Wahrheitskörper.
Das ist die kurze Meditation, den Tod in den Pfad des Wahrheitskörpers zu bringen. Sie hat in erster Linie die Funktion, gewöhnliche Erscheinungen zu vermeiden, den gewöhnlichen Tod zu reinigen, das Reifen des Klaren Lichtes der Vollendungsstufe zu bewirken und den Samen zur Vollendung des eigentlichen Wahrheitskörpers eines Buddhas zu säen.
Jetzt visualisieren wir:
Aus dem Zustand der Leerheit des Wahrheitskörpers wandelt sich mein Geist augenblicklich um in einen kleinen Strahl blauen Lichtes so hoch wie ein Vorderarm. Er steht auf einem Sonnenkissen im Zentrum eines achtblättrigen mehrfarbigen Lotos.
Wir denken:
Jetzt bin ich der Freudenkörper geworden,
und wir entwickeln den göttlichen Stolz, der Freudenkörper zu sein. Dies ist die kurze Meditation, den Zwischenzustand in den Pfad des Freudenkörpers zu bringen. Sie hat in erster Linie die Funktion, den gewöhnlichen Zwischenzustand zu reinigen, das Reifen des Illusorischen Körpers der Vollendungsstufe zu bewirken und den Samen zur Vollendung des eigentlichen Freudenkörpers eines Buddhas zu säen.
Wir fahren fort:
Augenblicklich wandelt sich mein Geist, in der Form eines blauen Lichtstrahls, in Heruka von blauer Farbe mit einem Gesicht und zwei Händen um, die einen Vajra und eine Glokke halten und Vajravarahi umarmen.
Wir denken:
Jetzt bin ich der Ausstrahlungskörper geworden,
und wir entwickeln den göttlichen Stolz, der Ausstrahlungskörper zu sein. Das ist die kurze Meditation, die Wiedergeburt in den Pfad des Ausstrahlungskörpers zu bringen. Sie hat in erster Linie die Funktion, gewöhnliche Wiedergeburt zu reinigen, die Übungen der Vollendungsstufe der Mischungen des Ausstrahlungskörpers zur Reife zu bringen und den Samen zur Vollendung des eigentlichen Ausstrahlungskörpers eines Buddhas zu säen. An dieser Stelle können wir über den Körper Herukas meditieren, oder wir können sein Mantra rezitieren. Wenn wir letzteres wählen, richten wir uns auf den Buchstaben HUM bei unserem Herzen und visualisieren das Mantra darum herum, während wir rezitieren.
Es gibt keine kürzere Praxis der Erzeugungsstufe als diese. Wir sollten die folgenden Mahamudra-Meditationen nur versuchen, wenn wir zumindest diese Praxis zuvor ausgeführt haben. Wenn wir eine andere persönliche Gottheit haben, wie Vajrayogini oder Yamantaka, können wir diese zusammengefaßte Praxis der Erzeugungsstufe auch ausführen, indem wir die entsprechenden Änderungen in bezug auf die Gottheit, die Farben, die Insignien und so fort vornehmen.
