Kapitel 1 - Einführung
Teil Eins – GrundlagenDas neue Meditationshandbuch ist ein praktischer Leitfaden für die Meditation. Es lehrt uns, wie wir uns selbst und andere glücklich machen. Unser Wunsch ist es, immer glücklich zu sein, doch wir wissen nicht wie, und darum zerstören wir in der Regel das Glück, das wir haben, indem wir Wut und andere Verblendungen entwickeln. Wie der buddhistische Meister Shantideva sagt:
. . . obwohl sie sich Glück wünschen,
Zerstören sie dieses aus Unwissenheit wie einen Feind.
Wir glauben, daß wir durch Verbessern der äußeren Umstände wirklich glücklich sein können. Durch diesen Glauben motiviert, haben viele Länder einen erstaunlichen materiellen Fortschritt erzielt. Wie wir jedoch feststellen können, sind wir dadurch nicht wirklich glücklicher geworden oder haben unsere Probleme vermindert. Im Gegenteil, es sind noch weitere Probleme, Leiden und Gefahren entstanden. Weil wir unsere Umwelt, unser Wasser und unsere Luft verschmutzt haben, wird unser körperlicher Zustand schlechter und verschiedene Krankheiten breiten sich in der Welt aus. Unser Leben ist heute viel komplizierter, geistig werden wir unglücklicher und die Sorgen nehmen zu. Zur Zeit gibt es mehr Probleme und größere Gefahren als je zuvor. Das zeigt uns, daß wir nicht glücklich werden, indem wir einfach nur die äußeren Umstände verbessern. Natürlich brauchen wir menschliche Grundbedingungen, weil wir Menschen sind, aber äußere Umstände können uns nur glücklich machen, wenn unser Geist friedvoll ist. Ist unser Geist nicht friedvoll, werden wir niemals glücklich sein, selbst wenn die äußeren Umstände perfekt sind. Nehmen wir an, wir sind auf einer Party mit Freunden und amüsieren uns. Wenn wir aus irgendeinem Anlaß wütend werden, verschwindet unsere gute Laune in dem Moment, in dem wir wütend werden. Der Grund dafür ist, daß die Wut unseren inneren oder geistigen Frieden zerstört hat.
Ohne inneren Frieden gibt es überhaupt kein wirkliches Glück. Je besser wir unseren Geist kontrollieren, desto größer wird unser innerer Frieden und desto glücklicher werden wir werden. Die wahre Methode, wie wir glücklich werden, besteht deshalb in der Kontrolle unseres eigenen Geistes. Indem wir unseren Geist kontrollieren – besonders unsere Wut, unsere Anhaftung und ganz speziell unser Festhalten am Selbst – werden alle unsere Probleme verschwinden. Wir werden einen tiefen inneren Frieden erfahren und immer glücklich sein. Probleme, Leiden und Unglücklichsein existieren nicht außerhalb des Geistes; es sind Gefühle und deshalb sind sie Teil unseres Geistes. Nur durch die Kontrolle unseres Geistes können wir daher unsere Probleme für immer beenden und uns selbst und andere wirklich glücklich machen.
Die Meditationsübungen, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind eigentliche Methoden zur Kontrolle unseres Geistes. Da wir alle verschiedene Wünsche und Fähigkeiten haben, werden viele verschiedene Ebenen der Meditationspraxis erklärt. Am Anfang sollten wir diejenige Ebene wählen, mit der wir uns am wohlsten fühlen, und dann allmählich zu den höheren Ebenen fortschreiten, indem wir unser Verständnis und unsere Vertrautheit stufenweise verbessern. Wenn wir diese Meditationen mit Freude und Geduld ausüben, werden wir das endgültige Ziel des menschlichen Lebens erlangen.
Was ist das endgültige Ziel des menschlichen Lebens? Was ist unserer Meinung nach das wichtigste für unser Glück? Ist es, einen attraktiven Körper zu haben, oder ist es viel Geld und ein guter Ruf, oder Ruhm und Macht oder Spannung und Abenteuer? Wir glauben vielleicht, wenn wir den richtigen Ort zum Leben finden könnten, die richtigen Besitztümer, die richtige Arbeit, die richtigen Freunde, den richtigen Partner – das Richtige in allem – daß wir dann wirklich glücklich sein würden. Folglich widmen wir den größten Teil unserer Zeit und Energie dem Versuch, unsere Welt umzugestalten, damit wir diese Ziele erreichen können. Manchmal gelingt es uns, aber nur bis zu einem gewissen Grad und nur für kurze Zeit. Wie erfolgreich wir auch scheinbar perfekte äußere Bedingungen erschaffen können, es gibt immer Nachteile; sie können uns niemals das vollkommene immerwährende Glück geben, nach dem wir uns alle sehnen. Wenn wir die Suche nach Glück in äußeren Umständen als hauptsächlichen Sinn unseres menschlichen Lebens ansehen, werden wir schließlich betrogen sein, da kein einziger uns zur Zeit unseres Todes helfen kann. Als Selbstzweck sind weltliche Errungenschaften hohl – sie sind nicht die wahre Essenz des menschlichen Lebens.
Es heißt, daß es in der Vergangenheit, als die Menschen reichlichere Verdienste hatten, wunscherfüllende Juwelen gab, die mit der Kraft ausgestattet waren, Wünsche zu erfüllen. Doch selbst diese kostbaren weltlichen Besitztümer konnten nur die Wünsche nach verunreinigtem Glück gewähren – sie konnten nicht die Wünsche nach reinem Glück erfüllen, das aus einem reinen Geist kommt. Zudem hatten diese wunscherfüllenden Juwelen nur die Kraft, die Wünsche in einem Leben zu erfüllen und konnten ihre Besitzer in zukünftigen Leben nicht beschützen. So waren auch sie letztendlich täuschend.
Nur die Erlangung der vollen Erleuchtung wird uns niemals täuschen. Was ist Erleuchtung? Sie ist allwissende Weisheit, die frei von allen fehlerhaften Erscheinungen ist. Eine Person, die diese Weisheit besitzt, ist ein erleuchtetes Wesen, ein «Buddha». Alle Wesen, die keine Buddhas sind, erfahren zu jeder Zeit fehlerhafte Erscheinungen, Tag und Nacht, selbst im Schlaf.
Alles, was uns erscheint, nehmen wir wahr, als ob es von sich aus existieren würde. Das ist fehlerhafte Erscheinung. Wir nehmen ein «Ich» und «Mein» wahr, als ob sie von sich aus existieren würden, und unser Geist hält intensiv an dieser Erscheinung fest und glaubt, daß sie wahr ist – das ist der Geist der Unwissenheit des Festhaltens am Selbst. Auf dieser Grundlage üben wir viele unangemessene Handlungen aus, die uns zur Erfahrung von Leiden führen. Das ist der hauptsächliche Grund für unsere Leiden. Erleuchtete Wesen sind vollständig frei von fehlerhaften Erscheinungen und dem Leiden, das sie hervorbringen.
Nur durch die Erlangung der Erleuchtung können wir unseren tiefsten Wunsch nach reinem und anhaltendem Glück erfüllen, denn nichts in dieser unreinen Welt hat die Kraft, diesen Wunsch zu befriedigen. Nur wenn wir ein voll erleuchteter Buddha werden, werden wir den tiefgründigen und immerwährenden Frieden erfahren, der aus einer beständigen Beendigung aller Verblendungen und ihrer Prägungen stammt. Wir werden frei von allen Fehlern und geistigen Verdunkelungen sein und die notwendigen Qualitäten besitzen, um allen Lebewesen direkt zu helfen. Dann werden wir ein Zufluchtsobjekt für alle Lebewesen sein.
Mit diesem Verständnis können wir klar erkennen, daß die Erlangung der Erleuchtung das endgültige Ziel und der wahre Sinn unseres kostbaren Menschenlebens ist. Weil es unser größter Wunsch ist, immer glücklich und vollständig frei von allen Fehlern und Leiden zu sein, müssen wir die starke Absicht entwickeln, Erleuchtung zu erlangen. Wir sollten denken: «Ich muß Erleuchtung erlangen, weil es nirgendwo in dieser unreinen Welt wahres Glück gibt.»
Was ist Meditation?
Meditation ist ein Geist, der sich auf ein tugendhaftes Objekt konzentriert und die Hauptursache von geistigem Frieden ist. Die Meditationspraxis ist eine Methode, unseren Geist mit Tugend vertraut zu machen. Je vertrauter unser Geist mit Tugend ist, desto ruhiger und friedvoller wird er. Wenn unser Geist friedvoll ist, sind wir frei von Sorgen und geistigem Unbehagen, und wir erleben wahres Glück. Wenn wir unseren Geist darin schulen, friedvoll zu sein, werden wir immer glücklich sein, selbst unter den widrigsten Umständen. Ist unser Geist jedoch nicht friedvoll, dann können wir uns in den angenehmsten äußeren Umständen befinden und werden trotzdem nicht glücklich sein. Deshalb ist es wichtig, unseren Geist durch Meditation zu schulen.
Jedesmal, wenn wir meditieren, üben wir eine Handlung aus, die die Ursache ist, daß wir in der Zukunft inneren Frieden erfahren. Üblicherweise erfahren wir Tag und Nacht, während unseres gesamten Lebens, Verblendungen, die das Gegenteil von geistigem Frieden sind. Manchmal aber erfahren wir ganz natürlich inneren Frieden. Der Grund ist, daß wir uns in unseren früheren Leben auf tugendhafte Objekte konzentrierten. Ein tugendhaftes Objekt ist ein Objekt, das die Ursache dafür ist, daß wir einen friedvollen Geist entwickeln, wenn wir uns darauf konzentrieren. Konzentrieren wir uns auf ein Objekt, das zur Entwicklung eines nichtfriedvollen Geistes führt, wie etwa Wut oder Anhaftung, dann ist dies ein Zeichen dafür, daß dieses Objekt nichttugendhaft für uns ist. Es gibt außerdem viele neutrale Objekte, die weder tugendhaft noch nichttugendhaft sind.
Es gibt zwei Arten der Meditation: analytische Meditation und verweilende Meditation. Überdenken wir den Sinn einer spirituellen Anweisung, die wir gehört oder gelesen haben, so üben wir analytische Meditation aus. Durch tiefes Nachdenken über solche Anweisungen werden wir schließlich zu einer Erkenntnis gelangen, oder es entsteht ein besonderer, tugendhafter Geisteszustand. Das ist das Objekt der verweilenden Meditation. Dann konzentrieren wir uns so lange wie möglich einsgerichtet auf diesen Entschluß oder tugendhaften Geisteszustand, um eine tiefe Vertrautheit mit dem Objekt zu gewinnen. Diese einsgerichtete Konzentration ist die verweilende Meditation. Oft wird analytische Meditation «Kontemplation» und verweilende Meditation einfach nur «Meditation» genannt. Die verweilende Meditation hängt von der analytischen Meditation ab, und die analytische Meditation beruht auf dem Hören oder Lesen der spirituellen Anweisungen.
Der Nutzen der Meditation
Der Zweck der Meditation ist es, unseren Geist ruhig und friedvoll zu machen. Wie bereits erwähnt, werden wir frei von Sorgen und geistigem Unbehagen sein, wenn unser Geist friedvoll ist, und daher werden wir wahres Glück erfahren. Wenn unser Geist aber nicht friedvoll ist, wird es uns schwerfallen, glücklich zu sein, selbst wenn wir in den besten Umständen leben. Wenn wir uns in der Meditation schulen, wird unser Geist allmählich friedvoller werden, und wir werden immer reinere Formen des Glücks erfahren. Schließlich werden wir fähig sein, jederzeit glücklich zu sein, selbst unter den schwierigsten Umständen.
In der Regel fällt es uns schwer, unseren Geist zu kontrollieren. Er scheint wie ein Ballon im Wind zu sein, der durch äußere Umstände mal hier- und mal dorthin geblasen wird. Laufen die Dinge gut, ist unser Geist glücklich, läuft es aber schlecht, dann wird der Geist sofort unglücklich. Wenn wir zum Beispiel bekommen, was wir wollen, etwa neuen Besitz, eine neue Position oder einen neuen Partner, sind wir ganz aufgeregt und klammern uns fest daran. Da wir jedoch nicht alles haben können, was wir wollen, und da wir unweigerlich von unseren Freunden, unserer Position oder unseren Besitztümern, die wir zur Zeit genießen, getrennt werden, dient diese geistige Krankheit oder Anhaftung nur dazu, uns Schmerzen zu verursachen. Andererseits werden wir mutlos oder gereizt, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, oder wenn wir etwas verlieren, was wir mögen. Wenn wir zum Beispiel mit einem Kollegen zusammenarbeiten müssen, den wir nicht leiden können, werden wir wahrscheinlich gereizt sein und uns benachteiligt fühlen; das Ergebnis wird sein, daß wir nicht effizient mit ihm zusammenarbeiten können, und unsere Arbeitszeit wird aufreibend und wenig erträglich sein.
Diese Stimmungsschwankungen entstehen, weil wir zu stark in äußere Situationen verstrickt sind. Wir sind wie ein Kind, das eine Sandburg baut und ganz aufgeregt wird, wenn sie gebaut ist, dann aber traurig ist, wenn sie von der hereinströmenden Flut zerstört wird. Indem wir uns in der Meditation schulen, erschaffen wir einen inneren Raum und eine Klarheit, die es uns erlaubt, unseren Geist zu kontrollieren, ungeachtet der äußeren Umstände. Allmählich entwickeln wir ein geistiges Gleichgewicht, einen ausgewogenen Geist, der immer glücklich ist, anstelle eines unausgewogenen Geistes, der zwischen den Extremen von freudiger Erregung und Niedergeschlagenheit schwankt.
Wenn wir uns systematisch in der Meditation schulen, werden wir schließlich die Verblendungen ausmerzen können, die die Ursachen aller unserer Probleme und Leiden sind. Auf diese Weise werden wir beständigen inneren Frieden erfahren. Dann werden wir Tag und Nacht und Leben für Leben nur Frieden und Glück erfahren.
Selbst wenn unsere Meditation zu Beginn nicht so gut zu laufen scheint, sollten wir daran denken, daß wir nur schon durch die Anwendung von Bemühen in der Meditationsschulung das geistige Karma erschaffen, in der Zukunft inneren Frieden zu erfahren. Das Glück dieses Lebens und zukünftiger Leben hängt von der Erfahrung inneren Friedens ab, der wiederum von der geistigen Handlung der Meditation abhängt. Da innerer Frieden die Quelle allen Glücks ist, können wir begreifen, wie wichtig Meditation ist.
Wie man mit der Meditation beginnt
Die erste Stufe der Meditation besteht darin, Ablenkungen zu stoppen und unseren Geist klarer und luzider werden zu lassen. Dies kann durch eine einfache Atemmeditation erreicht werden. Wir wählen einen ruhigen Ort für die Meditation aus und setzen uns bequem hin. Wir können in der traditionellen Haltung mit gekreuzten Beinen oder in jeder anderen Stellung sitzen, die bequem ist. Wenn wir es vorziehen, können wir auf einem Stuhl sitzen. Das wichtigste ist, unseren Rücken gerade zu halten, um zu verhindern, daß unser Geist träge oder schläfrig wird.
Wir sitzen mit beinahe geschlossenen Augen und richten unsere Aufmerksamkeit auf unseren Atem. Wir atmen ganz natürlich, ohne unseren Atem kontrollieren zu wollen, wenn möglich durch die Nase, und wir versuchen, uns des Gefühls bewußt zu werden, das der Atem hervorruft, wenn er durch die Nase ein- und ausströmt. Dieses Gefühl ist unser Meditationsobjekt. Wir sollten versuchen, uns vollständig darauf zu konzentrieren und nichts anderes mehr wahrzunehmen.
Zuerst wird unser Geist sehr beschäftigt sein, und wir könnten sogar das Gefühl haben, daß die Meditation den Geist unruhiger macht; aber in Wirklichkeit wird uns nur bewußter, wie beschäftigt unser Geist tatsächlich ist. Die Versuchung wird groß sein, den verschiedenen Gedanken zu folgen, sobald sie auftauchen. Wir sollten aber widerstehen und einsgerichtet auf das Gefühl des Atems konzentriert bleiben. Wenn wir entdecken, daß unser Geist abwandert und unseren Gedanken folgt, dann sollten wir ihn sofort zum Atem zurückbringen. Wir wiederholen dies, so oft es notwendig ist, bis der Geist auf dem Atem verweilt.
Üben wir geduldig auf diese Weise, werden unsere ablenkenden Gedanken allmählich abnehmen, und wir werden ein Gefühl von innerem Frieden und Entspannung empfinden. Unser Geist wird klar und weit, und wir fühlen uns erfrischt. Wenn die See stürmisch ist, werden Ablagerungen hochgewirbelt, und das Wasser wird trüb. Lassen die Winde aber nach, setzt sich der Schlamm nach und nach ab, und das Wasser wird wieder klar. Auch unser Geist wird außergewöhnlich hell und klar, sobald die sonst übliche ständige Flut unserer ablenkenden Gedanken durch Konzentration auf den Atem beruhigt wird. In diesem Geisteszustand der Ruhe sollten wir eine gewisse Zeit verweilen.
Obwohl die Atemmeditation nur eine Vorstufe der Meditation ist, kann sie sehr kraftvoll sein. Wir erkennen durch diese Praxis, daß es unabhängig von äußeren Bedingungen möglich ist, inneren Frieden und Zufriedenheit zu erfahren, allein durch die Kontrolle des Geistes. Wenn die Unruhe der ablenkenden Gedanken abnimmt und unser Geist zur Ruhe kommt, entsteht aus unserem Inneren ganz natürlich tiefes Glück und Zufriedenheit. Dieser Zustand der Zufriedenheit und des Wohlgefühls hilft uns, mit der Geschäftigkeit und den Schwierigkeiten des Alltags fertigzuwerden. Ein Großteil unseres Stresses und unserer Spannungen stammen aus unserem Geist, und viele unserer Probleme, einschließlich unserer schlechten Gesundheit, werden durch diese Spannungen verursacht oder verstärkt. Bereits durch eine tägliche Atemmeditation von nur zehn oder fünfzehn Minuten können wir diesen Streß vermindern. Wir werden ein ruhiges, weites Gefühl in unserem Geist erleben, und viele unserer gewöhnlichen Probleme werden wegfallen. Wir werden leichter mit schwierigen Situationen fertigwerden. Wir werden anderen Menschen gegenüber ganz natürlich warmherzig und wohlwollend sein, und unsere Beziehungen zu ihnen werden sich schrittweise verbessern.
Wir sollten uns in dieser einleitenden Meditation schulen, bis unsere groben Verblendungen vermindert sind, und uns dann in den einundzwanzig Meditationen schulen, die in Das neue Meditationshandbuch dargelegt sind. Wenn wir diese Meditationen durchführen, beginnen wir, indem wir den Geist mit Atemmeditation beruhigen, wie es eben erklärt wurde, und dann gehen wir zu den Stufen der analytischen und verweilenden Meditation weiter, gemäß den Anweisungen für jede Meditation.
Für die Meditation erforderliches Wissen
Die Meditationen dieses Buches setzen den Glauben an Wiedergeburt oder Reinkarnation, und Karma oder Handlungen voraus. Eine kurze Erklärung des Vorganges von Tod und Wiedergeburt und der Bereiche, in denen wir wiedergeboren werden können, mag daher hilfreich sein.
Der Geist ist weder körperlich, noch ist er ein Nebenprodukt rein körperlicher Prozesse. Er ist ein formloses Kontinuum, das eine vom Körper getrennte Wesenheit darstellt. Wenn sich der Körper nach dem Tod zersetzt, hört der Geist nicht zu existieren auf. Zwar vergeht unser oberflächlicher, bewußter Geist, doch nur, weil er sich in eine tiefere Bewußtseinsebene, in den sehr subtilen Geist, auflöst. Das Kontinuum des sehr subtilen Geistes ist ohne Anfang und ohne Ende. Es ist dieser Geist, der sich, wenn er vollständig gereinigt ist, in den allwissenden Geist eines Buddhas umwandelt.
Jede Handlung, die wir ausführen, hinterläßt in unserem sehr subtilen Geist eine Prägung. Jede dieser Prägungen läßt früher oder später entsprechende Auswirkungen entstehen. Unser Geist ist wie ein Acker und die Handlungen, die wir ausführen, sind wie Samen, die wir auf diesem Acker säen. Tugendhafte Handlungen setzen Samen von zukünftigem Glück, und nichttugendhafte Handlungen setzen Samen von zukünftigem Leid. Die Samen, die wir in der Vergangenheit gesät haben, ruhen in unserem Geist, bis die für die Keimung notwendigen Bedingungen zusammenkommen. Dies kann in einigen Fällen viele Leben nach der ursprünglichen Handlung geschehen.
Sehr wichtig sind die Samen, die zum Zeitpunkt unseres Todes reif werden. Sie bestimmen, welche Art von Wiedergeburt wir erlangen werden. Welcher besondere Samen im Moment des Todes heranreift, hängt vom Geisteszustand ab, in dem wir sterben. Sterben wir mit einem friedlichen Geist, wird ein tugendhafter Samen angeregt, und wir werden eine glückliche Wiedergeburt erleben. Sterben wir jedoch in einem unfriedlichen Geisteszustand, zum Beispiel voller Wut, so wird ein nichttugendhafter Samen angeregt, und wir werden eine unglückliche Wiedergeburt erlangen. Dies läßt sich mit dem Vorgang vergleichen, wie Alpträume ausgelöst werden, wenn wir uns kurz vor dem Einschlafen in einem unruhigen Geisteszustand befinden.
Dieser Vergleich ist nicht zufällig gewählt, denn der Vorgang von Schlafen, Träumen und Aufwachen ist dem Prozeß von Tod, Zwischenzustand und Wiedergeburt sehr ähnlich. Wenn wir einschlafen, sammeln sich unsere groben inneren Winde und lösen sich nach innen auf. Unser Geist wird zunehmend subtiler, bis er sich in den sehr subtilen Geist des Klaren Lichtes des Schlafes umwandelt. Während das Klare Licht des Schlafes manifest ist, sind wir im Tiefschlaf und sehen für Außenstehende wie tot aus. Wenn es endet, wird unser Geist zunehmend gröber, und wir durchschreiten die verschiedenen Ebenen des Traumzustandes. Schließlich werden unser normales Erinnerungsvermögen und die Fähigkeiten der geistigen Kontrolle wiederhergestellt, und wir wachen auf. Wenn das geschieht, verschwindet unsere Traumwelt, und wir nehmen die Welt des Wachzustandes wahr.
Ein sehr ähnlicher Vorgang spielt sich während unseres Todes ab. Wenn wir sterben, lösen sich unsere Winde nach innen auf, und unser Geist wird zunehmend subtiler, bis sich der sehr subtile Geist des Klaren Lichtes des Todes manifestiert. Die Erfahrung des Klaren Lichtes des Todes ist der Erfahrung des tiefen Schlafes sehr ähnlich. Wenn das Klare Licht des Todes aufhört, erfahren wir die Stadien des Zwischenzustandes oder Bardos auf Tibetisch, einen traumähnlichen Zustand, der zwischen Tod und Wiedergeburt eintritt. Nach einigen Tagen oder Wochen endet der Zwischenzustand, und wir werden wiedergeboren. So wie die Traumwelt beim Erwachen aus dem Schlaf verschwindet und wir die Welt des Wachzustandes wahrnehmen, so enden mit der Wiedergeburt die Erscheinungen des Zwischenzustandes, und wir nehmen die Welt unseres nächsten Lebens wahr.
Der einzige bedeutsame Unterschied zwischen dem Vorgang des Schlafens, Träumens und Erwachens und dem Vorgang des Sterbens, des Zwischenzustandes und der Wiedergeburt besteht darin, daß nach der Beendigung des Klaren Lichtes des Schlafes die Beziehung zwischen unserem Geist und unserem gegenwärtigen Körper intakt bleibt, wohingegen diese Beziehung nach dem Klaren Licht des Todes aufgelöst wird.
Im Zwischenzustand haben wir verschiedene Visionen, die aus den karmischen Samen entstehen, die unmittelbar vor dem Tod aktiviert wurden. Wurden negative Samen aktiviert, dann sind die Visionen alptraumhaft. Die Aktivierung positiver Samen führt zu überwiegend angenehmen Visionen. In jedem Fall zwingen uns die karmischen Samen zu einer Wiedergeburt in einem der sechs Bereiche Samsaras, sobald sie genügend ausgereift sind.
Die sechs Bereiche sind wirkliche Orte, an denen wir wiedergeboren werden können. Sie entstehen durch die Kraft unserer Handlungen oder Karma. Es gibt drei Arten von Handlungen: körperliche Handlungen, sprachliche Handlungen und geistige Handlungen. Da unsere körperlichen und sprachlichen Handlungen ihren Ursprung in unseren geistigen Handlungen haben, werden die sechs Bereiche letztlich durch unseren Geist erschaffen. Ein Höllenbereich zum Beispiel ist ein Ort, der als Ergebnis der schlimmsten Handlungen, wie Mord oder außerordentlicher geistiger oder körperlicher Grausamkeit, entsteht, und diese Handlungen ihrerseits hängen von den am stärksten verblendeten Geisteszuständen ab.
Um ein geistiges Bild der sechs Bereiche zu erhalten, können wir sie mit den Stockwerken eines großen, alten Hauses vergleichen. In diesem Vergleich symbolisiert das ganze Haus Samsara, den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, dem alle gewöhnlichen Wesen ohne Wahl oder Kontrolle unterworfen sind. Das Haus besteht aus einem Erdgeschoß, einem ersten und zweiten Stockwerk sowie drei Untergeschossen. Verblendete fühlende Wesen sind wie die Bewohner dieses Hauses. Sie sind in ständiger Bewegung, gehen nach oben und nach unten. Manchmal wohnen sie in den oberen Stockwerken und manchmal in den Untergeschossen.
Das Erdgeschoß entspricht dem menschlichen Bereich. Über diesem, im ersten Stockwerk, befindet sich der Bereich der Halbgötter. Halbgötter sind nichtmenschliche Wesen, die andauernd in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Göttern verwickelt sind. An Kraft und Wohlstand sind sie den Menschen überlegen. Sie sind jedoch so von Neid und Gewalt besessen, daß ihr Leben wenig spirituellen Wert besitzt.
Im obersten Stockwerk leben die Götter. Die niederen Klassen der Götter, die Götter des Begierdebereiches, leben in Saus und Braus, geben sich dem Müßiggang hin und verbringen ihre Zeit mit Vergnügungen und der Befriedigung ihrer Wünsche. Obwohl sie in paradiesischen Umständen leben und eine sehr lange Lebensspanne besitzen, sind sie dennoch nicht unsterblich. Früher oder später fallen auch sie in niedere Zustände zurück. Da ihr Leben von Ablenkungen erfüllt ist, fällt es ihnen schwer, die nötige Motivation für die Praxis des Dharmas, der Lehre Buddhas, zu finden. Aus spiritueller Sicht ist deshalb ein menschliches Leben weitaus sinnvoller.
Höher als die Götter des Begierdebereiches sind die Götter des Formbereiches und des formlosen Bereiches. Die Götter des Formbereiches haben alle sinnlichen Begierden überwunden und erfahren eine verfeinerte Glückseligkeit der meditativen Versenkung. Sie besitzen Körper aus Licht. Die Götter des formlosen Bereiches transzendieren selbst diese feinen Formen und verweilen formlos in einem subtilen Bewußtseinszustand ähnlich dem unendlichen Raum. Innerhalb Samsaras besitzen sie den reinsten und erhabensten Geist; trotzdem haben sie die Unwissenheit des Festhaltens am Selbst, die Wurzel Samsaras, noch nicht überwunden. So endet schließlich auch ihr Leben, und nachdem sie während Äonen Glückseligkeit erfahren haben, werden auch sie wieder in einem der niederen Bereiche Samsaras geboren. Wie die anderen Götter verbrauchen sie die in der Vergangenheit angesammelten Verdienste und machen nur geringe oder gar keine spirituellen Fortschritte.
Die drei oberen Stockwerke werden die «glücklichen Bereiche» genannt, weil die Lebewesen, die dort wohnen, relativ angenehme Erfahrungen haben. Diese Erfahrungen werden durch die Praxis von Tugend verursacht. In den Untergeschossen befinden sich die drei niederen Bereiche, die das Ergebnis negativer Handlungen von Körper, Rede und Geist sind. Im Tierbereich, der dem ersten Untergeschoß entspricht, sind die Erfahrungen am wenigsten schmerzhaft. Dieser Bereich umfaßt alle Säugetiere, außer den Menschen, sowie Vögel, Fische, Insekten und Würmer, kurz, das ganze Tierreich. Der Geist der Tiere ist durch äußerste Dummheit gekennzeichnet, ohne das geringste spirituelle Bewußtsein, und ihr Leben ist voller Angst und Brutalität.
Im mittleren Untergeschoß leben die Hungrigen Geister. Die Hauptgründe für eine Wiedergeburt in diesem Bereich sind Gier und negative Handlungen, die durch Geiz motiviert sind. Die Folge solcher Handlungen ist extreme Armut. Die Hungrigen Geister leiden über lange Zeit unter Hunger und Durst, und dies ist für sie sehr schwer zu ertragen. Ihre Welt ist eine riesige Wüste. Finden sie zufälligerweise doch einmal einen Tropfen Wasser oder etwas Essen, löst es sich wie eine Luftspiegelung auf oder verwandelt sich in etwas Abstoßendes wie Eiter oder Urin. Erscheinungen dieser Art sind Auswirkungen von negativem Karma und einem Mangel an Verdiensten.
Im untersten Kellergeschoß befindet sich der Höllenbereich. Hier leiden die Wesen unter endlosen Qualen. Einige Höllen bestehen aus Flammenmeeren, andere sind trostlose Eiswüsten, umgeben von ewiger Dunkelheit. Furchterregende Monster, heraufbeschworen durch den Geist der Höllenwesen, fügen diesen schreckliche Qualen zu. Diese Leiden scheinen unbarmherzig bis in alle Ewigkeit fortzudauern. Doch schließlich erschöpft sich das Karma, das die Geburt in einem Höllenbereich verursacht hat. Die Höllenwesen sterben und werden anderswo in Samsara wiedergeboren.
Dies ist ein allgemeines Bild von Samsara. Seit anfangsloser Zeit sind wir in Samsara gefangen und irren ohne Freiheit oder Kontrolle sinnlos in den verschiedenen Bereichen umher, von den himmlischen Gefilden bis zu den tiefsten Höllen. Manchmal weilen wir bei den Göttern in den oberen Etagen, und manchmal befinden wir uns in einer menschlichen Wiedergeburt im Erdgeschoß. Die meiste Zeit jedoch sind wir in den Kellergeschossen und müssen schreckliche körperliche und geistige Qualen erdulden.
Obwohl Samsara einem Gefängnis gleicht, gibt es ein Tor, durch das wir entfliehen können. Dieses Tor ist Leerheit, die endgültige Natur der Phänomene. Schulen wir uns in den spirituellen Pfaden, die in diesem Buch erklärt sind, werden wir schließlich den Weg zu diesem Tor finden. Wenn wir durch dieses Tor hindurchschreiten, werden wir entdecken, daß das Haus nur eine Illusion war, eine Kreation unseres unreinen Geistes. Samsara ist kein äußeres Gefängnis; es ist ein Gefängnis, das durch unseren eigenen Geist erschaffen wird. Samsara wird niemals von selbst aufhören. Nur wenn wir mit großem Eifer den wahren spirituellen Pfad praktizieren und dadurch unser Festhalten am Selbst und andere Verblendungen beseitigen, können wir unser Samsara beenden. Haben wir selbst Befreiung erlangt, werden wir fähig sein, anderen den Weg zu zeigen, wie sie ihr geistiges Gefängnis durch die Beseitigung ihrer Verblendungen zerstören können.
Praktizieren wir die in diesem Buch vorgestellten einundzwanzig Meditationen, werden wir allmählich unsere verblendeten Geisteszustände überwinden können, die uns in Samsara gefangen halten. Zudem werden wir alle Qualitäten entwickeln, die nötig sind, um die volle Erleuchtung zu erlangen. Die ersten sieben Meditationen dienen vor allem der Entwicklung von Entsagung, dem Entschluß, Samsara zu entfliehen. Die zwölf darauffolgenden Meditationen helfen uns, tief empfundene Liebe und Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln. Sie führen uns zur Erkenntnis, daß wir andere Lebewesen nur aus Samsara befreien können, wenn wir selbst zuerst Erleuchtung erlangen. Das größte Hindernis für die Erlangung von Befreiung und Erleuchtung ist das Festhalten am Selbst, eine tief verwurzelte, falsche Auffassung davon, wie die Dinge existieren. Die Hauptfunktion der nächsten beiden Meditationen besteht darin, dieser falschen Vorstellung entgegenzuwirken und sie schließlich zu entfernen. Die letzte Meditation ist die Methode, eine tiefere Erfahrung der vorangegangenen zwanzig Meditationen zu gewinnen.
Wie man meditiert
Jede der einundzwanzig Meditationen besteht aus fünf Teilen: Vorbereitung, Kontemplation, Meditation, Widmung und anschließende Praxis. Die Anweisungen, die diese einundzwanzig Meditationsübungen erklären, heißen die «Stufen des Pfades» oder «Lamrim». Die Realisationen dieser Meditationen sind eigentliche spirituelle Pfade, die uns zur großen Befreiung der vollen Erleuchtung führen.
Der erste Teil, die vorbereitenden Übungen, bereiten uns auf eine erfolgreiche Meditation vor, indem sie Hindernisse reinigen, die durch unsere früheren negativen Handlungen verursacht worden sind, indem sie unseren Geist mit Verdiensten anreichern und ihn durch die Segnungen der Buddhas und Bodhisattvas beflügeln. Die vorbereitenden Übungen sind sehr wichtig, wenn wir eine tiefe Erfahrung dieser Meditationen gewinnen wollen. Zu diesem Zweck können wir unsere Meditation mit den Gebeten für die Meditation beginnen, die in Anhang I zu finden sind. Ein Kommentar zu diesen Übungen ist in Anhang II enthalten.
Der zweite Teil, die Kontemplation oder analytische Meditation, dient dem Zweck, das Objekt der verweilenden Meditation ins Bewußtsein zu bringen. Das erreicht man durch das Überdenken verschiedener Argumente, das Betrachten von Gleichnissen und das Nachdenken über die Bedeutung der Anweisungen. Es ist von Vorteil, die Kontemplationen jedes Abschnittes auswendig zu lernen. So kann man die Meditation ausführen, ohne im Text nachschauen zu müssen. Die aufgeführten Kontemplationen sind nur als allgemeine Richtlinien gedacht. Wir sollten diese mit Begründungen und Beispielen, die für uns hilfreich sind, ergänzen und bereichern.
Wenn das Objekt aufgrund der Kontemplation klar erscheint, hören wir mit der analytischen Meditation auf und konzentrieren uns einsgerichtet auf das Objekt. Diese einsgerichtete Konzentration ist der dritte Teil, die eigentliche Meditation.
Wenn die Meditation neu für uns ist, ist unsere Konzentration schwach; wir werden leicht abgelenkt und verlieren oft das Meditationsobjekt. Deshalb müssen wir zu Beginn wahrscheinlich mehrmals in jeder Sitzung zwischen Kontemplation und verweilender Meditation abwechseln. Meditieren wir beispielsweise über Mitgefühl, betrachten wir als erstes die verschiedenen Leiden der Lebewesen, bis die Empfindung von starkem Mitgefühl in unserem Herzen entsteht. Wenn dieses Gefühl entstanden ist, meditieren wir darüber mit einsgerichteter Konzentration. Läßt das Gefühl nach oder schweift unser Geist zu einem anderen Objekt ab, gehen wir zurück zur analytischen Meditation, um das Gefühl in unserem Geist wiederaufzubauen. Haben wir das Gefühl von neuem entwickelt, beenden wir wiederum unsere analytische Meditation und halten das Gefühl mit einsgerichteter Konzentration.
Kontemplation wie auch Meditation sind Methoden, unseren Geist mit tugendhaften Objekten vertraut werden zu lassen. Je vertrauter wir mit solchen Objekten werden, desto friedvoller wird unser Geist. Durch die Schulung in Meditation und durch eine Lebensführung in Übereinstimmung mit den gewonnenen Erkenntnissen und Vorsätzen werden wir schließlich fähig sein, ununterbrochen, das ganze Leben lang einen friedvollen Geisteszustand aufrechtzuerhalten. Ausführlichere Angaben über die Kontemplation und Meditation im Allgemeinen können in den Büchern Verwandle dein Leben und Freudvoller Weg gefunden werden.
Am Ende jeder Sitzung widmen wir die Verdienste, die wir durch unsere Meditation erschaffen haben, der Erlangung der Erleuchtung. Werden die Verdienste nicht gewidmet, können sie durch Wut leicht zerstört werden. Durch die aufrichtige Rezitation der Widmungsgebete am Schluß jeder Meditationssitzung können wir sicherstellen, daß die Verdienste, die durch die Meditation erschaffen wurden, nicht verschwendet werden, sondern als Ursache für die Erleuchtung wirken.
Der fünfte Teil jeder Meditationspraxis ist die anschließende Praxis. Diese besteht aus Ratschlägen, wie wir die Meditation in unseren Alltag integrieren können. Es ist wichtig, daran zu denken, daß die Dharma-Praxis nicht nur ausgeübt wird, wenn wir auf unserem Meditationskissen sitzen. Die Dharma-Praxis sollte unser ganzes Leben durchdringen. Es sollte keine Kluft zwischen unserer Meditationspraxis und unserem täglichen Leben entstehen, da der Erfolg unserer Meditation davon abhängt, wie rein unser Verhalten außerhalb der Meditationssitzungen ist. Wir sollten unseren Geist ständig beobachten und Achtsamkeit, Wachsamkeit und Gewissenhaftigkeit anwenden und versuchen, alle schlechten Gewohnheiten aufzugeben. Eine tiefe Erfahrung des Dharmas ist das Ergebnis der praktischen Schulung innerhalb und außerhalb der Meditation über einen langen Zeitraum hinweg. Wir sollten beharrlich und sanft praktizieren, ohne schnelle Ergebnisse erzielen zu wollen.
Zusammenfassend kann unser Geist mit einem Acker verglichen werden. Das Praktizieren der vorbereitenden Übungen gleicht der Vorbereitung des Ackers: die Hindernisse, die durch frühere negative Handlungen verursacht wurden, werden beseitigt, durch Verdienste wird der Acker fruchtbar gemacht und durch die Segnungen der heiligen Wesen wird er bewässert. Kontemplation und Meditation entsprechen dem Aussäen von guten Samen. Die Widmung und die anschließende Praxis sind die Methoden, die die Ernte unserer Dharma-Realisationen zur Reife bringen.
Lamrim-Anweisungen werden nicht gegeben, damit wir zu einem rein intellektuellen Verständnis des Pfades zur Erleuchtung gelangen. Die Anweisungen werden gewährt, um uns zu einer tiefen Erfahrung zu verhelfen, und sollten daher in die Praxis umgesetzt werden. Durch die tägliche Schulung unseres Geistes in diesen Meditationen werden wir schließlich vollkommene Realisationen aller Stufen des Pfades erlangen. Bis wir diese Stufe erreicht haben, sollten wir beharrlich mündliche Unterweisungen über Lamrim anhören oder authentische Kommentare des Lamrims lesen, um danach über die erhaltenen Anweisungen nachzudenken und zu meditieren. Wir müssen unser Verständnis dieser essentiellen Themen ständig erweitern und dieses neu gewonnene Verständnis verwenden, um unsere tägliche Meditation zu vertiefen.
Wenn wir den innigen Wunsch haben, Erfahrungen der Stufen des Pfades zu gewinnen, sollten wir versuchen, jeden Tag zu meditieren. Am ersten Tag können wir die Meditation «Unser kostbares menschliches Leben», am zweiten Tag die Meditation «Tod und Unbeständigkeit» ausführen und so weiter, bis wir nach einundzwanzig Tagen den ganzen Zyklus abgeschlossen haben. Dann können wir erneut von vorne beginnen. Zwischen den einzelnen Sitzungen sollten wir versuchen, die Anweisungen der anschließenden Praxis in Erinnerung zu behalten. Wenn wir die Gelegenheit haben, sollten wir ab und zu ein Lamrim-Retreat ausüben. In Anhang IV wird ein Zeitplan für ein Retreat (Meditation in Zurückgezogenheit) vorgeschlagen. Praktizieren wir auf diese Weise, nutzen wir unser ganzes Leben, um unsere Erfahrung der Stufen des Pfades zu erweitern.
