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Den Geist verstehen

Eine Erklärung der Natur und der Funktionen des Geistes

Format: Gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-908543-12-1
Detail: 351 Seiten
Preis: 19.90 €  
 
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Gebundene Ausgabe

Kapitel 1 - Einführung

Das Thema dieses Buches ist der Geist. Es ist sehr wichtig, ein korrektes Verständnis der Natur und der Funktionen des Geistes zu besitzen, denn dieses besondere Wissen wird uns das Tor zur Befreiung öffnen. In den Sutras und den Mahamudra-Schriften heißt es:

Erkennst du deinen eigenen Geist, wirst du ein Buddha werden. Du solltest Buddhaschaft nicht anderswo suchen.

Diese Unterweisung ist sehr tiefgründig. Sie zeigt, daß es viele verschiedene Ebenen gibt, auf denen wir den Geist verstehen können. Wir können die groben Arten von Geist, die subtilen Arten von Geist und den sehr subtilen Geist verstehen, und wir können diese einzeln entweder intellektuell durch ein allgemeines Bild oder direkt durch Erfahrung verstehen. Zuerst einmal können wir ein intellektuelles Verständnis der verschiedenen Ebenen des Geistes gewinnen, indem wir dieses Buch und authentische Kommentare über Vajrayana-Mahamudra studieren, wie zum Beispiel Das Klare Licht der Glückseligkeit und Tantrische Ebenen und Pfade. Dann können wir auf der Basis dieses Verständnisses direkte Erfahrungen der groben, subtilen und sehr subtilen Arten von Geist erlangen, indem wir uns in den besonderen Meditationen üben, die im Vajrayana-Mahamudra erklärt werden. Wenn wir unseren sehr subtilen Geist direkt erkennen, werden wir die höhere Realisation des Klaren Lichtes erlangen, und wir werden dann der Buddhaschaft sehr nahe sein. Bald darauf wird sich diese Realisation in die allwissende Weisheit eines Buddhas umwandeln, und wir werden ein großes erleuchtetes Wesen werden.

Verstehen wir die Natur unseres Geistes klar, werden wir mit Sicherheit erkennen, daß das Kontinuum unseres Geistes nicht endet, wenn wir sterben; und dann wird es keine Grundlage geben, die Existenz unserer zukünftigen Leben anzuzweifeln. Wenn wir die Existenz zukünftiger Leben realisieren, werden wir ganz natürlich um unser Wohlergehen und Glück in kommenden Leben besorgt sein, und wir werden das gegenwärtige Leben nutzen, um geeignete Vorbereitungen zu treffen. Das wird uns davon abhalten, unser wertvolles menschliches Leben einzig mit der Sorge um dieses Leben zu verschwenden. Deshalb ist ein Verständnis des Geistes sehr hilfreich.

In den Sutras der Vollkommenheit der Weisheit und in vielen anderen Schriften steht, daß alle Phänomene wie Träume sind. Das bedeutet, daß alle Wesen, ihre Umgebung, ihre Vergnügen und alle anderen Phänomene bloße Erscheinungen des Geistes sind, genauso wie alle Erfahrungen in einem Traum bloße Erscheinungen des Geistes sind. Zuerst ist es nicht einfach, dies zu verstehen, doch wir können durch folgende Überlegung ein gewisses Verständnis entwickeln: Wenn wir wach sind, existieren viele verschiedene Dinge. Schlafen wir jedoch ein, enden sie, weil der Geist, dem sie erscheinen, endet. Während unserer Träume werden wir zum Träumer, und während dieser Zeit sind Traumobjekte die einzigen Dinge, die erscheinen. Später, wenn wir aufwachen, enden diese Traumobjekte, weil der Geist, dem sie erscheinen, endet. Abgesehen davon gibt es keinen besonderen Grund, warum sie enden sollten. Wenn wir gründlich darüber nachdenken, werden wir verstehen, daß alle Phänomene bloße Erscheinungen unseres Geistes sind wie Objekte in einem Traum. Dann werden wir realisieren, daß wir alle unangenehmen Dinge, die wir nicht mögen, einfach durch das Aufgeben unreiner Geisteszustände beenden können und alle guten Dingen, die wir uns wünschen, durch das Entwickeln eines reinen Geistes entstehen lassen können. Auf diese Weise können wir uns alle unsere Wünsche erfüllen. Deshalb ist das Verstehen des Geistes ein wahrhaft wunscherfüllendes Juwel.

Obwohl wir alle einen Geist besitzen, haben die meisten von uns nur ein unklares Verständnis seiner Natur und seiner Funktionen. Haben wir uns beispielsweise nicht im Dharma geschult, werden wir wahrscheinlich sehr wenig über die verschiedenen Arten von Geist wissen, wie sie erzeugt werden und welchen Einfluß sie auf unser Leben haben. Wir werden tugendhafte Geistesarten nicht von nichttugendhaften unterscheiden können, und wir werden nicht wissen, wie die ersteren zu fördern und die letzteren aufzugeben sind. Warum müssen wir all dies verstehen? Der Grund liegt darin, daß alles Glück und alles Leiden vom Geist abhängig ist. Wenn wir also Leiden vermeiden und wahres Glück finden wollen, müssen wir verstehen, wie der Geist funktioniert, und dieses Verständnis nutzen, um unseren Geist unter Kontrolle zu bringen. Nur auf diese Weise können wir unsere Lebensqualität sowohl jetzt als auch in der Zukunft verbessern.

In den letzten Jahren ist unser Verständnis der äußeren Welt und unsere Kontrolle darüber erheblich angewachsen, und infolgedessen haben wir einen bemerkenswerten materiellen Fortschritt erlebt. Doch es gab kein entsprechendes Anwachsen von menschlichem Glück. In der Welt von heute gibt es nicht weniger Leiden und nicht weniger Probleme. Tatsächlich könnte man sagen, daß es heute mehr Probleme und größere Unzufriedenheit denn je gibt. Das zeigt, daß die Ursache für Glück und die Lösung unserer Probleme nicht in der Kenntnis oder der Kontrolle der äußeren Welt liegen. Glücklichsein und Leiden sind Geisteszustände, und deshalb sind ihre Hauptursachen nicht außerhalb des Geistes zu finden. Wollen wir wirklich glücklich und frei von Leiden sein, müssen wir unser Verständnis des Geistes verbessern.

Wenn Dinge in unserem Leben schiefgehen und wir uns in schwierigen Situationen befinden, neigen wir dazu, die Situation selbst als Problem zu betrachten. Doch in Wirklichkeit entstehen alle Probleme von seiten des Geistes. Würden wir auf schwierige Situationen mit einem positiven oder friedvollen Geist reagieren, wären sie kein Problem für uns. Tatsächlich könnten wir sogar so weit kommen, sie als Herausforderungen oder Gelegenheiten zu Wachstum und Entwicklung zu betrachten. Probleme entstehen nur, wenn wir auf Schwierigkeiten mit einem negativen Geisteszustand reagieren. Wenn wir daher frei von Problemen sein wollen, müssen wir lernen, unseren Geist zu kontrollieren.

Buddha lehrte, daß der Geist die Kraft hat, alle angenehmen und unangenehmen Objekte zu erschaffen. Diese Sicht ist allen vier buddhistischen Schulen gemeinsam: den zwei Hinayana-Schulen, den Vaibashikas und den Sautrantikas, und den zwei Mahayana-Schulen, den Chittamatrins und den Madhyamikas. Gemäß dieser Sicht ist die Welt das Ergebnis von Karma, den Handlungen der Wesen, die sie bewohnen. Eine reine Welt ist das Ergebnis reiner Handlungen, und eine unreine Welt ist das Ergebnis unreiner Handlungen. Da alle Handlungen durch den Geist erschaffen werden, wird letztlich alles, einschließlich der Welt selbst, durch den Geist erschaffen. Es gibt keinen anderen Schöpfer als den Geist. Buddhisten glauben dies, weil sie sich auf die Erklärungen Buddhas verlassen.

Normalerweise sagen wir: «Ich habe das und das erschaffen» oder «Er oder sie hat das und das erschaffen», doch der eigentliche Schöpfer von allem ist der Geist. Wir gleichen Dienern, die unserem Geist, dem eigentlichen Schöpfer, helfen. Immer wenn unser Geist etwas tun will, müssen wir es ausführen, wir haben keine Wahl. Seit anfangsloser Zeit bis zum heutigen Zeitpunkt standen wir unter der Kontrolle unseres Geistes ohne jede Entscheidungsfreiheit. Praktizieren wir jetzt aber aufrichtig Dharma, können wir die Situation umkehren und die Kontrolle über unseren Geist erlangen. Nur dann werden wir echte Freiheit besitzen.

Innerhalb der vier buddhistischen Schulen glauben insbesondere die Chittamatrins, daß alle Phänomene, einschließlich der Welt selbst, die gleiche Natur besitzen wie der Geist, der sie festhält, und keine Existenz außerhalb des Geistes haben. Wenn wir beispielsweise von einem Berg träumen, sagen sie, habe dieser Berg die gleiche Natur wie der Traumgeist und keine Existenz außerhalb des Geistes. Würde er außerhalb des Geistes existieren, müßten wir sagen, daß ein riesengroßer Berg in unserem kleinen Schlafzimmer sei, was offensichtlich absurd ist. Sie sagen, so wie es sich mit Traumobjekten verhalte, sei es mit allen Phänomenen: Sie hätten alle die gleiche Natur wie der Geist – gleich einem Traumberg.

Die höchste der vier buddhistischen Schulen, die Madhyamika-Prasangika-Schule, sagt, daß alle Phänomene bloße Zuschreibungen des Geistes sind und keine Existenz aus sich selbst heraus haben.

Der wesentliche Punkt all dieser Sichtweisen ist, daß die Befreiung von Leiden nicht außerhalb des Geistes gefunden werden kann. Dauerhafte Befreiung kann nur durch die Reinigung des Geistes erlangt werden. Wenn wir frei von Problemen sein und dauerhaften Frieden und Glück erlangen wollen, müssen wir daher unser Wissen über den Geist und unser Verständnis des Geistes vergrößern.

Die Erklärung des Geistes, die in diesem Buch dargestellt ist, hat zwei Teile. Im ersten Teil werden die Natur und die Funktion der verschiedenen Arten von Geist erklärt und wie wir unser Wissen und Verständnis entwickeln und vergrößern. Zuerst wird jede Art von Geist klar definiert, damit sie korrekt identifiziert werden kann. Dann werden die verschiedenen Varianten jeder Art von Geist aufgelistet und durch Beispiele illustriert. Danach folgt eine Erklärung, wie jede Art von Geist erzeugt wird, und zum Schluß werden Ratschläge gegeben, wie wir unser Verständnis jeder Art von Geist in unserer Dharma-Praxis anwenden können. Diese Erklärungen helfen uns zu verstehen, wie wir ein gültiges Wissen und Dharma-Realisationen entwickeln und vergrößern.

Der zweite Teil des Buches erläutert primäre Geistesarten und geistige Faktoren. Hier liegt der Schwerpunkt in der Unterscheidung zwischen tugendhaften Geisteszuständen und nichttugendhaften Geisteszuständen, damit wir die ersteren fördern und die letzteren aufgeben können. Zuerst werden die sechs primären Geistesarten und die Beziehung zu ihren sie begleitenden geistigen Faktoren erklärt. Danach folgen Erläuterungen der Definitionen, Unterteilungen und Funktionen jedes einzelnen der einundfünfzig geistigen Faktoren. Diese Erklärungen helfen uns, unsere verblendeten Geistesarten zu kontrollieren und dauerhafte Freiheit von Leiden zu erlangen.